Archiv für Oktober 2010

03
Okt
10

Die süße Haut – Ansätze

„Die süße Haut“ erzählt von Menschen, die sich sehr langsam – für den Zuschauer fast unmerklich – von ihren Masken befreien. Truffaut beschäftigt sich dabei ein weiteres Mal mit einer Dreiecksbeziehung; doch ganz anders als in „Jules et Jim“, steht diesmal ein Mann (Pierre) im Mittelpunkt.

Auffällig dabei: der Protagonist wird als eindimensionaler Schwächling charakterisiert, während die beiden Frauenfiguren im Film unglaublich nuanciert und vielschichtig präsentiert werden. Die für Pierre anfangs so faszinierende und begehrenswerte Flugbegleiterin Nicole verhält sich im Verlauf des Films immer kühler und abgeklärter; derweil die scheinbar „langweilige“ Gattin Pierres zu einem brodelnden, emotionsgeladenen Superweib mutiert, die sich letztlich auf ihre ganz eigene Weise emanzipiert…

Bei seinem groß angelegten Hitchcock-Interview aus dem Jahr 1962 scheint Truffaut gut aufgepasst zu haben… Überhaupt hat man den Eindruck als hätte der „Meister“ bestimmte Passagen des Films selbst inszeniert. Zwei Sequenzen sind diesbezüglich besonders auffällig:

1.) Zu Beginn des Films sieht man Pierre, zum Flughafen eilen. Für den Handlungsverlauf ist diese Hetzfahrt völlig irrelevant, aber stilistisch wirkt gerade diese Autofahrt exemplarisch. Die hinter den drei Insassen postierte Kamera und die ständigen Zwischenschnitte auf Details (wie Gangschaltung, Tacho usf.) lassen im Zuschauer die typisch Hitchcocksche Unruhe entstehen.

2.) Eine weitere sehr bemerkenswerte „Hitchcock-Sequenz“, ist die an der Tankstelle kurz vor Reims: eine alltägliche Angelegenheit. Es gibt nichts wovor sich die beiden Charaktere wirklich fürchten müssten, und trotzdem inszeniert Truffaut mit großer Dramatik (ständige Zwischenschnitte: die Tankanzeige, der Tankdeckel, Großaufnahme von Pierre usf.).

Besonders amüsant, dafür aber umso verstörender sind die Momente im Films, in denen der Zuschauer Zeuge banaler Alltagshandlungen wird (wie eben das Tanken). Auffälliges Beispiel hierfür: das ständige Betätigen der Lichtschalter im Verlauf des Films. Dieses unaufhörliche „Geklicke und Geklacke“ erinnert schon stark an Tatis „Mein Onkel“, ein Film in dem die „Errungenschaften“ der Moderne grotesk ausgestellt werden…

Auch die Musik spielt in „Die süße Haut“ immer wieder eine bedeutende Rolle. Truffaut setzt sie dabei jedoch ausschließlich paraphrasierend und somit auf äußerst konventionelle Weise ein. Überhaupt gibt es in diesem Film kaum Einstellungen oder Schnitte die wirklich überraschen. Der innovative „Nouvelle-Vague-Realisateur“ bedient sich konsequent traditioneller filmischer Mittel.

So kann man ohne weiteres zu der Ansicht kommen, dass es sich bei „Die süße Haut“ wohl um den bis dahin „amerikanischsten“ Truffaut-Film handelt. Ein Film, der ein heikles Thema ausgesprochen eindringlich und intensiv angeht; und bei dem die jugendlich-frische Dreiecksbeziehung aus „Jules und Jim“ letztlich zu einem kühlen, realitätsnahen Trauerspiel der Moderne wird…

(formuliert im Nov. 2007)

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La peau douce (F / 1964)

R: Truffaut / K: Coutard / D: Truffaut

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01
Okt
10

Ein kriminelles Paar – Wunderland

Tabubruch, pervertierte Sexualität, Mord und Brutalität sind ständig wiederkehrende Motive bei Ozon. Seine  Filme wirken wie Cocktails, in denen diese Zutaten immer neu vermischt werden. So ist auch „Ein kriminelles Paar“ aufgrund des gewagten Themas und der düsteren Stimmung, die vermittelt wird, keineswegs ein leicht zugänglicher Film.

Auffällig ist die zweigeteilte Handlung: im ersten Teil geht es um den Mord an Said und die Beseitigung seiner Leiche, während sich der zweite Teil vollständig mit der Episode im Wald beschäftigt. Gerade hier sind Parallelen zu Hänsel und Gretel nicht zu verleumden; auch der im Wald lebende Menschenfresser scheint einem Grimm’schen Märchen entsprungen zu sein.

Wie oft bei Ozon spielen sich große Teile des Films in einem winzigen Haus ab. Der Regisseur scheint, wo es nur geht, das Kammerspiel zu suchen – wahrscheinlich ist ihm die dadurch entstehende Intensität wichtig. In diesem Zusammenhang ist es erstaunlich wie lieblos, platt und unsympathisch die Figuren in „Ein kriminelles Paar“ skizziert werden. Ob wer, wo oder wie ermordet wird, ist für den Zuschauer dadurch von sehr geringer emotionaler Bedeutung.

Alice tritt im Film als sexuell unbefriedigte, dominante Verführerin auf. Luc erscheint als ewig unschuldiger, kindlicher Spielball seiner Angebeteten. Erst durch die „liebevolle“ Behandlung des Menschenfressers wirkt er endlich emanzipiert genug, um sich auf sich selbst zu verlassen. Ob ihn am Ende der Tod von Alice mehr trifft als die Tritte gegen den Eremiten ist schwer zu sagen. Die Einzige, die zum Schluss wirklich glücklich zu sein scheint ist Alice selbst; von Kugeln durchlöchert macht sie den Eindruck als sei sie das erste Mal in ihrem Leben vollständig befriedigt.

Das parallele Erzählen unterschiedlicher Zeitebenen gelingt Ozon in „Ein kriminelles Paar“ ohne Mühe. Bemerkenswert sind auch die diversen Anspielungen auf Hitchcock – sowohl der Mord an Said („Psycho“) als auch das Begräbnis („The trouble with Harry“) stellen direkte Zitate dar.

(Dez. 2005)

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Les amants criminels (F / 1999)

R: Ozon / K: Stoeber / D: Ozon

01
Okt
10

Blicke aufs Meer – Eindrücklich

„Blicke aufs Meer“: ein Film der fast ausschließlich über die Hauptdarstellerinnen funktioniert. Der Zuschauer wird ohne Rücksicht auf Pietät und Scham mit den Charakteren dieses Films konfrontiert. So entsteht eine außerordentliche Nähe, die im Verlauf des Films zwischen Mitgefühl, Vertrautheit, Sympathie und Ekel changieren wird.

Francois Ozon zeigt keine glanzvollen, durchgestylten Retortenwesen, sondern objektiv gewöhnliche Frauen. Die beiden Hauptdarstellerinnen wirken nicht überhöht und extravagant oder gar einzigartig. Sie erscheinen unfertig und gebrochen, aber eben doch einfach, schlicht, geradezu normal. Eben durch diese Taktik fällt es dem Zuschauer leichter sich auf die Charaktere einzulassen, um letztendlich einen umso größeren Schock versetzt zu bekommen, wenn das vermeintlich bekannte Verhalten letztendlich von der Norm abweicht. Dabei erscheinen diese Schockelemente im Film anfangs übertrieben, gewollt und stellenweise unmotiviert, erklären sich aber in Hinblick auf das Ende als düstere Vorahnung.

Ozons Film wirkt an manchen Stellen wie eine Fortsetzung zu „Persona“ (SWE / 1966). Neben der Leere und Einsamkeit der Ferienwohnung, fällt besonders die Unterschiedlichkeit der Charaktere auf; die sich jedoch im Verlauf beider Filme immer näher kommen (so gibt es in „Persona“ einen intimen Dialog zwischen Elisabeth und Alma, in dem es um ein spontanes Sexerlebnis an einem Strand geht; in Ozons Film wird dieser Dialog in Bilder umgesetzt). In beiden Filmen wird mit Masken gespielt; sie werden aufgesetzt, ausgetauscht und schließlich heruntergerissen. Nie kann sich der Zuschauer sicher sein: Traum oder Realität?

„Blicke aufs Meer“ ist ein verstörender Film. Jedoch verstören weniger die krassen Schockelemente, als das langsame, aber stete Umkippen einer scheinbar normalen Situation. Ozon gelingt mit seinen Hauptdarstellern ein Spiel zwischen Nähe und Abgrenzung, es bleibt stets ein latentes Gefühl der Unterkühltheit, des Unnahbaren und des Widerwärtigen. Erst am Ende befreit der verstümmelte Leib der Mutter den Zuschauer endlich von dieser Ungewissheit.

(geschrieben: Nov. 2005)

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Regarde la mer (F / 1997)

R: Ozon / K: Le Saux / D: Ozon

01
Okt
10

Die Träumer – Typisch Bertolucci?

Sex, Drugs and Cinémathèque francaise

Bertoluccis Film „Die Träumer“ ist keine bloße Liebeserklärung ans Kino, keine Hommage an Paris oder an die Jugend, kein Tribut an den Sex oder die Aufbruchstimmung oder das Leben oder die Freiheit. Bertoluccis Film ist eine Liebeserklärung an all das zusammen.

Frühling ’68: Der schüchterne Amerikaner Matthew trifft vor der Cinématèque francaise auf Isabelle, die zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Theo in Paris lebt. Die Drei kommen sich schnell näher. Als die Eltern der Geschwister in den Urlaub fahren, zieht Mathew bei ihnen ein. In der Wohnung der Eltern führen „Die Träumer“ ein Leben ohne Tabus, verbunden durch die Liebe zum Kino und die Liebe zueinander. Sie leben in einer abgeschlossenen Welt, die jedoch jäh zusammenbricht. Als sie von den 68er Ereignissen eingeholt werden, stellen sie fest, dass sie in einer Zeit des Aufbruchs leben und beteiligen sich an den Straßenkämpfen, was letztlich zu einer endgültigen Trennung führt. Pflasterstein flieg…

Im Verlauf des Films legen die drei Hauptfiguren -neben ihren Körpern- auch ihre Seelen frei. So lernt der Zuschauer die Menschen hinter der Fassade kennen und erfährt, dass Matthew in Isabelle verliebt ist, dass Theo eifersüchtig ist und dass Isabelle ihren Bruder doch mehr liebt als Matthew.

Die Konkurrenz von Matthew und Theo wird auch immer wieder an ihren Disputen verdeutlicht. Während Theo der Meinung ist Chaplin sei der Größte, beharrt Matthew auf Keaton [und er hat Recht]. Während Theo für Eric Clapton schwärmt, ist Matthew Hendrix-Fan. Der Gegensatz zwischen Matthew und Theo scheint unauflösbar (Keaton vs. Chaplin; Hendrix vs. Clapton; stiller Revolutionär vs. Lauter Revoluzzer; Amerikaner vs. Franzose; blond vs. dunkel; Gandhi vs. Mao…). So ist eigentlich von Anfang an klar, dass es keine gemeinsame Zukunft der Drei geben kann.

„Die Träumer“ ist keine historische Beschreibung der Pariser Ereignisse von 1968, es ist eher eine Psychostudie. Ein Film der nicht mit pompösen Bildern protzt, sondern die Intimität und Intensität eines Kammerspiels bevorzugt. Diese intensive Wirkung wird jedoch stark eingeschränkt durch die dürftige Leistung der „Schauspieler“, einzig Eva Greene (Isabelle) weiß an manchen (Körper-) Stellen zu überzeugen. Man nimmt ihr die Frivolität, die gespielte Angepasstheit und die Verzweiflung am ehesten ab. Wohingegen Leonardo Di Caprio-Klon Michael Pitt oft eine unfreiwillig komische, weil überzogene schauspielerische Leistung abliefert (letztendlich scheinen anatomische Vorzüge die Wahl der Schauspieler eher beeinflusst zu haben, als ihr Können).

Nichtsdestotrotz ist „Die Träumer“ ein humorvoller Film, der immer wieder mit unerwartet witzigen Momenten aufwartet und das Lebensgefühl einer Generation vermittelt (nicht zuletzt durch den Einsatz von Musik). Auch die kunstvollen Kameraperspektiven, besonders in Verbindung mit den diversen Spiegeln der Wohnung, sind sehenswert – eine der stärksten Einstellung in Film ist die „Badewannen-Unterhaltung“, in der alle drei in der Wanne liegen und nur über den als Triptychon angebrachten Spiegel zu sehen sind.

Oberflächlich betrachtet ist „Die Träumer“ eine Hommage ans Kino. Ausschnitte aus Klassikern der Filmgeschichte lassen die Herzen von Cineasten höher schlagen. Beispiele hierfür sind Sequenzen aus „Scarface“, „Queen Christine“, „A bout de souffle“ oder „Freaks“. Dies verdeutlicht den persönliche Ansatz den Bertolucci für seinen Film (der wahrscheinlich auch autobiografische Züge trägt) gewählt hat. Je mehr sich die Handlung des Films jedoch entfaltet, je politischer das Thema wird, desto weniger steht das Kino im Mittelpunkt. So wird aus der Liebe zum Cinéma schließlich eine Perversion, bspw. wenn Theo vor einem Marlene Dietrich Bild onaniert.

„Die Träumer“ ist ein sehr offener und freizügiger Film, der häufig eben durch diese Direktheit schockiert. Alles in bester Tradition von „Der letzte Tango von Paris“, vermischt mit dem revolutionären Pathos von „1900“. So ist „Die Träumer“ letztendlich eher ein Abgesang, als eine Hommage ans Kino; verbunden mit der (revolutionären) Aufforderung den eigenen Traum nicht zu träumen, sondern ihn zu leben. Jaja, die 68er…

(geschrieben: Dez. 2003)

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The Dreamers (F / GB / ITA / 2003)

R: Bertolucci / K: Cianchetti / D: Adair

01
Okt
10

Inception – Nolans Meisterwerk?

“Matrix” meets “A Space Odyssey” meets “Ein andalusischer Hund” meets “Ocean’s Eleven”

Filmkritik und Publikum sind begeistert: „Inception“ ein Meisterwerk, Film des Jahres, Film des neuen Jahrtausends. Was für ein trauriges Jahrtausend…

Christopher Nolan weiß wie es geht. Seine Filme sind erfolgreich und besitzen gleichzeitig die Aura des philosophisch-intellektuellen. Eine Mischung die nur ganz wenige Filmemacher vor ihm erreicht haben. Und auch mit „Inception“ stellt Nolan wieder einmal einen virtuos verschachtelten Actionthriller auf die Beine, würzt das ganze mit einer Prise philosophischer Denkarbeit und veredelt alles mit großartigen Bildern zu einem gelungenen und abwechslungsreichen Kinoerlebnis. Aber ein Meisterwerk?

Die Handlung des Films ist jedenfalls ziemlich banal: Eine von „Babyface“ DiCaprio angeführte sympathische, multiethnische Terror-Brigade marschiert in die Träume eines milliardenschweren Weicheis ein, um einen Gedanken in seinen Kopf zu pflanzen. Doch der Junior hat vorgesorgt und so versucht eine von seinem Unterbewusstsein projizierte Privatarmee die Pläne der Traumeindringlinge zu durchkreuzen…

Sicherlich: „Inception“ erhebt keinen Anspruch in irgendeiner Weise realistisch zu sein – und beugt diesem Kritikpunkt auch durch die in der Traumwelt angesetzte, mehrfach deutbare Handlung vor. Doch bleibt am Ende trotzdem nicht mehr übrig, als ein bildgewaltiger, zum Mitdenken ermunternder Actionthriller.

Denn die merkwürdige Computerspielhandlung, aufgesetzte Mehrdeutigkeiten und eindimensionale Charaktere verankern den Film eben doch im Unterhaltungsgenre. Tiefergehende Reflexionen über den Dualismus Traum und Realität sucht man vergebens. So dass die vorgegaukelte, philosophische Reflexionsebene der surrealen Traumwelten im Grunde genommen lediglich dazu dient, zugegebenermaßen beeindruckende Spezialeffekte zu motivieren. Natürlich ist es ein besonderes Kinoerlebnis wenn die Schwerkraft im Film außer Kraft gesetzt wird, Brücken aus dem Nichts entstehen oder gar urbane Straßenzüge den Himmel ersetzen. Alles ausgesprochen spektakulär und mit absoluter Perfektion umgesetzt; aber nicht hilfreich für die Handlung und zudem nicht sonderlich originell.

„Inception“ bedient sich ganz offenkundig aus den Archiven der Filmgeschichte: ein großer Teil Action, ein erheblicher Anteil Heist-Movie, etwas Sci-Fi, ein Tick Thriller, Liebesfilm, Märchen, James-Bond, Melodrama und all dies mit surrealistischem Anklang. Für jeden Zuschauer ist etwas dabei, ein Jeder findet Gefallen an gewissen Teilaspekten.

Auf diese Weise macht Nolan mit seinem Patchworkfilm „Inception“ im Grunde genommen wieder alles richtig und ist damit – zu Recht – erfolgreich. Wenn man sich auf das Angebot einlässt, erlebt man beeindruckende, spannende und kurzweilige Unterhaltung. Doch wer eben mehr erwartet als einen Hollywood-Blockbuster-Popcorn-Film, sollte seinen Kinoabend eher anderweitig verplanen.

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Inception (USA / 2010)

R: Nolan / K: Pfister / D: Nolan




Unter den Blinden…

Kein Anspruch auf Vollständigkeit. Kein Anspruch auf Richtigkeit. Pure Subjektivität eines Einäugigen...

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