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Inception – Nolans Meisterwerk?

“Matrix” meets “A Space Odyssey” meets “Ein andalusischer Hund” meets “Ocean’s Eleven”

Filmkritik und Publikum sind begeistert: „Inception“ ein Meisterwerk, Film des Jahres, Film des neuen Jahrtausends. Was für ein trauriges Jahrtausend…

Christopher Nolan weiß wie es geht. Seine Filme sind erfolgreich und besitzen gleichzeitig die Aura des philosophisch-intellektuellen. Eine Mischung die nur ganz wenige Filmemacher vor ihm erreicht haben. Und auch mit „Inception“ stellt Nolan wieder einmal einen virtuos verschachtelten Actionthriller auf die Beine, würzt das ganze mit einer Prise philosophischer Denkarbeit und veredelt alles mit großartigen Bildern zu einem gelungenen und abwechslungsreichen Kinoerlebnis. Aber ein Meisterwerk?

Die Handlung des Films ist jedenfalls ziemlich banal: Eine von „Babyface“ DiCaprio angeführte sympathische, multiethnische Terror-Brigade marschiert in die Träume eines milliardenschweren Weicheis ein, um einen Gedanken in seinen Kopf zu pflanzen. Doch der Junior hat vorgesorgt und so versucht eine von seinem Unterbewusstsein projizierte Privatarmee die Pläne der Traumeindringlinge zu durchkreuzen…

Sicherlich: „Inception“ erhebt keinen Anspruch in irgendeiner Weise realistisch zu sein – und beugt diesem Kritikpunkt auch durch die in der Traumwelt angesetzte, mehrfach deutbare Handlung vor. Doch bleibt am Ende trotzdem nicht mehr übrig, als ein bildgewaltiger, zum Mitdenken ermunternder Actionthriller.

Denn die merkwürdige Computerspielhandlung, aufgesetzte Mehrdeutigkeiten und eindimensionale Charaktere verankern den Film eben doch im Unterhaltungsgenre. Tiefergehende Reflexionen über den Dualismus Traum und Realität sucht man vergebens. So dass die vorgegaukelte, philosophische Reflexionsebene der surrealen Traumwelten im Grunde genommen lediglich dazu dient, zugegebenermaßen beeindruckende Spezialeffekte zu motivieren. Natürlich ist es ein besonderes Kinoerlebnis wenn die Schwerkraft im Film außer Kraft gesetzt wird, Brücken aus dem Nichts entstehen oder gar urbane Straßenzüge den Himmel ersetzen. Alles ausgesprochen spektakulär und mit absoluter Perfektion umgesetzt; aber nicht hilfreich für die Handlung und zudem nicht sonderlich originell.

„Inception“ bedient sich ganz offenkundig aus den Archiven der Filmgeschichte: ein großer Teil Action, ein erheblicher Anteil Heist-Movie, etwas Sci-Fi, ein Tick Thriller, Liebesfilm, Märchen, James-Bond, Melodrama und all dies mit surrealistischem Anklang. Für jeden Zuschauer ist etwas dabei, ein Jeder findet Gefallen an gewissen Teilaspekten.

Auf diese Weise macht Nolan mit seinem Patchworkfilm „Inception“ im Grunde genommen wieder alles richtig und ist damit – zu Recht – erfolgreich. Wenn man sich auf das Angebot einlässt, erlebt man beeindruckende, spannende und kurzweilige Unterhaltung. Doch wer eben mehr erwartet als einen Hollywood-Blockbuster-Popcorn-Film, sollte seinen Kinoabend eher anderweitig verplanen.

________

Inception (USA / 2010)

R: Nolan / K: Pfister / D: Nolan

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8 Responses to “Inception – Nolans Meisterwerk?”


  1. 1 Mr. X
    10. Januar 2011 um 12:56

    Das ist aber eine sehr großzügige Kritik über dieses flache, langweilige und optisch zwar sehr, aber selten überzeugende Werk …, in dem Babyface noch das kleinste aller Übel ist.

    Dabei ist der nicht vorhandene Anspruch auf Realität, jedoch unterhalten zu wollen, nicht nur kein Problem, sondern geradezu lobenswert. Aber der Film hat eine langweilige Geschichte, baut eine eigene ebenso langweilige – weil völlig willkürliche – Physik der Träume auf & tut eben nicht das, was er vordergründig möchte: unterhalten.

    Das macht ihn zu einem teuren Hollywood Film, der genau das macht, was man von ihm erwartet: Den im voraus errechneten Mindestbetrag einspielen & als Schandfleck in der Filmographie aller beteiligten langsam in Vergessenheit geraten.

    Sein Vermächtnis an die Nachwelt: Die Vorlage für eine gelungene South Park-Parodie 😀

  2. 15. Januar 2011 um 15:27

    Als ausgemachter Nolanianer kann ich die hier vorgebrachte Kritik durchaus verstehen.
    Nolan verfolgt in seiner noch recht überschaubaren Filmografie zuvorderst die Auslotung der Persona (Wie ein Kreisel(!)..) und derem steten Zerfall in Persönlichkeitsfragmente und patholgische Zwischenzustände (…der den Drall verliert und kippt).
    Es kommt nicht von ungefähr, dass er für die Neubelebung der Batman-Reihe der momentan am besten geeignete Kandidat zu sein scheint. Die Figur des Helden als eine in einer Linse gebrochene, nicht auf einen Protagonisten beschränkte und dadurch unvollendet karikierte Meta-Persönlichkeit zu verlagern und zu abstrahieren(eben einen Mythos zu schaffen) ist die Stärke, gerade des zweiten Teils dieser hoffentlich bald vollendeten Trilogie (Überlänge und Kitschmomente mal einfach ignoriert).
    Ähnlich wie mit „Prestige – Meister der Magie“ liefert Nolan nun ein Zwischenspiel ab. Einen eigentlich kleinen, feinen Film, der nicht weiteres Aufsehen erregt hätte, wäre es nicht der erste „Post-The-Dark-Knight-Nolan-Mega-Blockbuster-Film“.
    Was mich dann letztlih auch stört ist die Tatsache, dass Nolan nicht zu verhindern im Stande ist, den Film im zweiten Drittel in eine plumpe Actionklamotte abdriften zu lassen. Der Lärm und das ganze Ballergetöse ersticken die guten Ansätze im Keim. Wo er den Zuschauer zu Beginn in die intellektuelle Pflicht nimmt, entmündigt er Ihn im zweiten Teil fast völlig.
    Was bei „Prestige“ noch düster-liebevolle Hommage an die Anfänge des Kinos und der irrwitzigen Geschichte der Projektion und vor allem der Illusion durch Bilder und eben so auch menschlichen Wirkens ist (natürlich sind Magie, Bild und Mensch immer zusammen zu denken), ist hier nur noch in Ansätzen philosophisch unterfüttert. Eine Parabel über die Unmöglichkeit der Liebe in einer spätkapitalistischen Welt, eine Reminiszenz an den strengen Existentialismus und den getragenen Ernst (und vor allem Stil) der 50er Jahre, ein nostalgischer und altmodischer Film hätte es werden können der durchaus sehr intelligent den momentanen Status quo unserer alltäglichen Welt abbildet. Die Parallelen zwischen Traum und Film, wieder eine der Grundfragen der Filmtheorie und -Geschichte, der sich Nolan willentlich aber eben im Rahmen eines aufgeblasenen Blockbusters nur noch sporadisch annähert.

    Stichwort: Diskursblockbuster (So wie es „Das Schweigen der Lämmer“ oder „L.A. Crash“ im besseren Sinne waren)

    schade.

    Mein Eindrück übrigens: Im englischen Original ist der Film sehr viel besser verständlich. Der Plot wirkt kompakter und nachvollziehbarer. In diesem Fall (mal wieder) ein echtes Defizit die deutsche Synchro…

  3. 6 rogge
    1. Februar 2011 um 23:54

    Ich finde einerseits, das hier ein Dualismus zw. Traum und Realität nur bedingt notwendig ist und andererseits, wenn auch auf spezielle Art und Weise, sogar bereits bedient wurde. Es sind, Spezialeffekten sei Dank, phantastische (Traum-) Bilder die mir zeigen um wieviel mächtiger und verlockender eine solche Welt ist. Es ist, und wird (leider?) noch für eine Weile so sein, bei aller Phantasie nicht möglich eine solche Wunschwelt mit allen Sinnen zu erleben. Im Traum dagegen schon. Daher kann ich auch gut nachvollziehen das sich Babyface & Braut immer öfter da hinein „geflüchtet“ haben. Und der Film zeigt, wie ich finde, gerade dadurch das bei einem Vergleich von Traum und Realität, letztere (fast) immer den kürzeren zieht. Ich denke am ehesten kann man diese Traumflucht mit dem Verhalten von Zocker-NERDs vergleichen – Flucht in eine Welt wie es in echt nicht gibt. Die passende Gleichung dazu könnte lauten: Traum = Realität mal X. Daher ist eine Dualismussuche irgendwie irrsinnig, auch wenn ich der Intention durchaus Recht gebe und sie nachvollziehen kann.
    Und Ja, der Film hat auch einige Defizite. Die Charaktere in die sich da eingeklinkt wird sind mehr als flach. Warum wird gerade das Opfer eines verkackten Auftrags der nächste Auftraggeber?! Warum die ganze Aktion für so etwas billiges wie „Er muss die Firma unbedingt splitten, da er sonst Weltmarktführer wird“?! Das Kapitalismus Scheiße ist, wusste wir auch schon vorher.
    Dann man hat mir die kleine neue Architektin zu schnell gelernt. Nicht zu Anfang, sondern zum Ende hin. Als es in Ebene Vier ging. Zu Professionell für die kurze Praxiszeit.
    Und Nein, ich halte in nicht für einen „klassischen“ Popcorn-Blockbuster. Um die Verschachtelung und die Funktion des Traumgerüsts zu verstehen (Stichwort: Der gejagte Architekt) bedarf es etwas mehr Konzentration. Ich für meinen Teil kann mich nicht nur von den schönen Bildern berieseln lassen.

    • 2. Februar 2011 um 00:28

      … und so soll es ja auch sein. Doch bin ich dennoch der Meinung, dass eine philosophisch stärker untermauerte Herangehensweise, interessant gewesen wäre. Sicher wäre dann ein völlig anderer Film entstanden, doch hätten die spektakulären Traumbilder nicht wie ein bloßes Mittel zum Zweck gewirkt. Ich werfe Nolan an dieser Stelle Effekthascherei vor – möchte aber trotzdem darauf hinweisen, dass Traumwelten, um ein vielfaches spektakulärer sein können, als in diesem Film angedeutet. Filmische Beispiele dafür gibts en masse… alle mit weit aus geringeren Mitteln inszeniert und meist um ein Vielfaches weitgreifender.
      Kurzum: Ich gebe dir absolut recht: „Inception“ ist qualitativ hochwertiges, anspruchsvolles Filmvergnügen.


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