03
Nov
10

Jules und Jim – Gedanken zum Film

Francois Truffauts „Jules et Jim“ beginnt mit enormem Tempo. Die rasante Exposition überrumpelt den Zuschauer förmlich. Ohne jeden Zeitverlust werden die beiden Helden eingeführt…ihr Leben in Skizzen. Truffaut hält sich dabei weder mit besonderer Nähe, noch mit Details auf, so dass dieses wahnwitzige Tempo teilweise schon grotesk wirkt. Nach ein paar Filmminuten ändert sich diese Vorgehensweise jedoch radikal. Das Tempo des Films verlangsamt sich beträchtlich; und zwar genau in dem Augenblick, in dem Catherine ins Leben von Jules und Jim tritt.

Truffaut weist auch auf diese Weise darauf hin, dass Catherine eben Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist. Sie ist überhaupt die Definition der „femme fatale“. Eine Frau, die für jeden Mann eine Nummer zu groß zu sein scheint. Eine Frau die genau weiß, was sie will… Oder weiß sie es doch nicht?

Im Grunde genommen ist Catherine die tragische Figur des Film, obwohl sie scheinbar nach Belieben mit den Protagonisten spielt, gelingt es ihr dennoch nicht Jules und Jim auseinander zu bringen. Mehr noch, niemals ist sie wirklich Teil dieser innigen Beziehung. Zwar wird ständig über sie gesprochen, auf sie Rücksicht genommen oder sich mit ihr beschäftigt, aber der intimen Freundschaft gehört sie nie an.

Catherine strahlt eine unvergleichliche Kälte aus; Gefühlsregungen wirken bei ihr immer berechnet. Ihr scheint es an Wärme und Emotionalität zu fehlen. So wie Catherine wirkt der gesamte Film etwas unterkühlt. Truffaut beschreibt die bewegte Handlung ganz neutral ohne sich an Sentimentalitäten aufzuhalten. Ein Grund dafür wird sicherlich die Romanvorlage sein; das Werk eines 70-jährigen, der mit der Verklärtheit und der Nachsicht des Alters von seinen Jugenderlebnissen berichten kann.

Kameratechnisch kann man „Jules et Jim“ als Wechselspiel zwischen Totalen (dem Ganzen) und Großaufnahmen (dem Detail) beschreiben. Meist verharrt die Kamera starr und ziemlich konventionell in der Totalen, in einigen Einstellungen fühlt man sich an frühe Stummfilme erinnert (in denen noch das Theater-Dispositiv imitiert wurde). Auch dadurch fallen die wenigen Kamerabewegungen und (Reiß-) Schwenks umso deutlicher ins Auge. Daneben gibt es aber eben auch eine Vielzahl von Großaufnahmen, bei denen die Figuren ganz eigenartig deplaziert wirken…auf dem gigantischen Cinemascope-Format.

Die vielen eingeschobenen Aufnahmen (Dokumentarfilme aus dem ersten Weltkrieg,  die Bücherverbrennung, frühe Aufnahmen aus Paris, vereinzelte Lumiere-Filme usf.) versetzen den Zuschauer einerseits in die Zeit, in der die Handlung spielt. Andererseits stechen sie aufgrund veränderter Abspielgeschwindigkeit und Qualitäten des Filmmaterials optisch klar heraus. Wieder verletzt „L’auteur“ Truffaut absichtlich die Konventionen des „traditionellen Kinos“.

Besonders gelungen sind die eingefrorenen Einstellungen, die zwar eher selten verwendet werden, dafür aber umso intensiver wirken. Am auffälligsten ist dies sicher in der Sequenz, in der Catherine von der „Ernsten“ zur „Fröhlichen“ wird. Diese Einstellung wird sechsmal für Sekunden eingefroren, um die jeweils spezifische Mimik Catherines einzufangen. Der Effekt ist ganz verblüffend: die Intensität der Einstellungen scheint in dem Maße zu steigen, in der Truffaut die Technizität des Mediums Film herausstellt.

Trotz dieser gewiss genialen Einfälle wirkt der Film oft sehr schwerfällig und lässt den Enthusiasmus und den Elan früherer Truffaut-Filme vermissen. So ist „Jules et Jim“ sicherlich der konventionellste und unspektakulärste Film in Truffauts frühem Werk…

(Nov. 2007)

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Jules et Jim (F / 1962)

R: Truffaut / K: Coutard / D: Roché

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