04
Nov
10

Annäherung an Tatis Monsieur Hulot

Exzentrischer Einzelgänger und infantiler Gentleman –

Eine essayistische Annäherung an Jacques Tatis Monsieur Hulot

Die von Jacques Tati erschaffene Figur des Monsieur Hulot ist trotz der wenigen Filme, in denen sie auftrat, zu einem Archetypus der Filmkomödie geworden. Tati kreierte einen komischen Charakter, der ein vielschichtiges Inneres besitzt und so stets mysteriös und unerforschlich zu bleiben scheint. Hulot „is far less easy to describe, to approach and to pin down than almost any other figure of equal fame. More like an idea than a character (…), Hulot is a mysterious assemblage of signs.” (Bellos).

Sicherlich steht Tati in einer bestimmten filmischen Tradition: Max Linder, Charlie Chaplin, Buster Keaton, Harry Langdon… Im Grunde genommen ließe sich die Figur Hulot, aus bestimmten Aspekten dieser großen Vorläufer zusammenfügen. Mit Max Linder verbinden ihn die ständige Angst vor dem Verlust der Würde und das erschwerte Zurechtfinden in einer komplizierten Welt. Die Beweglichkeit und Anmut übernimmt Hulot scheinbar von Chaplins Tramp. Buster Keaton leiht ihm die emotionale Kühle und die akrobatischen Fähigkeiten, im ständigen Kampf des Individuums gegen größere Zusammenhänge. Von Harry Langdon hat Hulot sein kindliches Wesen, seine Schüchternheit und seine etwas schwerfällige Denkweise. Allen gemein hat Hulot seine Verschwiegenheit.

Der Vergleich mit seinen frühen Vorläufern negiert jedoch die Einzigartigkeit, die Hulot ohne Zweifel besitzt. Ihn trennt mehr von seinen Vorläufern, als ihn verbindet. Der wohl auffälligste Unterschied ist, dass Hulot in einer eigenen Welt mit eigenen Regeln agiert. Diese Welt, die Tati erschafft, ist so ausgefeilt und zusammenhängend, dass das komische Subjekt nicht zwangsläufig im Mittelpunkt stehen muss.

So ist Hulot oft über weite Passagen seiner Filme nicht zu sehen. Die Komik geht auch von anderen Figuren aus und entwickelt sich meist langsam, aus einer bestimmten Situation heraus. Es wäre schwer vorstellbar, dass der Tramp aus einem Chaplin-Film verschwindet oder das ‚Stone-Face’ aus einem Keaton-Film. In den Filmen dieser Pioniere zentriert die Hauptfigur die Welt. Mit ihrem Verschwinden, würde die Welt in sich zusammenfallen. Bei Hulot ist es anders. Er scheint Teil seiner Welt zu sein, aber eben nicht das alles konfigurierende Zentrum.

Eine kurze Beschreibung

Hulot besitzt in keinem der Filme, in denen er auftritt, eine Vergangenheit. Genauso wie seine Herkunft, bleibt dem Zuschauer auch das Seelenleben dieses verunsicherten Einzelgängers verborgen. Nur ab und zu gewährt Tati kurze Einblicke in das Innere Hulots, so z.B. wenn er in „Les vacances de M. Hulot“, bei der Verabschiedung der Feriengäste weitestgehend ignoriert wird und sich traurig an den Strand zurückzieht oder wenn er in „Playtime“ fröhlich neben Barbara Klavier spielt.

M. Hulot ist eine merkwürdige Mischung aus perfektem Gentleman und verschrobenem Einzelgänger. Obwohl er selbst eigentlich nichts dafür kann, befindet er sich stets in einer Welt, in der er unangebracht erscheint. Dabei sind es meist seine Mitmenschen, die ihm die Außenseiterrolle aufzwängen. Hulot wirkt stets bemüht, sein Bestes zu geben, um nicht aufzufallen und gerät gerade dadurch oft in noch schlimmere Situationen, so z.B. in „Trafic“, als er versucht, die Begrünung eines Hauses wieder herzurichten und infolgedessen kopfüber am Baum hängen bleibt oder auf der ‚garden-party’ in „Mon oncle“, als er seine nassen Füße verbergen will und dabei umso auffälliger agiert.

Hulot flieht vor Auseinandersetzungen. Er versucht sich dann unsichtbar zu machen; was ihm jedoch nie wirklich gelingt, da er stets Relikte seiner Anwesenheit hinterlässt. Hulot fällt einfach auf, er wirkt immer etwas fehl am Platz und sticht, nicht zuletzt aufgrund seiner immensen Körpergröße, aus der Masse heraus. Dabei steht seine schlaksige Figur im starken Kontrast zu seinen schnellen, gerichteten Bewegungen.

Hulot kann nicht still stehen, auch wenn er sich nicht bewegt, ist es, als wäre er gerade auf dem Sprung. Oft kann er sich nicht entscheiden, welchen Weg er einschlagen will, doch sobald er sich entschieden hat, verfolgt er sein Ziel umso radikaler. Hulots Gang wirkt dabei stets sonderbar: der Oberkörper ist leicht nach vorn geneigt, seine Beine scheinen ihn eher zu verfolgen als ihn zu tragen, seine Füße tippeln hastig über den Boden und berühren diesen dabei kaum. Stets bewegt er sich in einem anderen Tempo als die restlichen Charaktere des Films und bestärkt auch dadurch seine Unangepasstheit.

Hulot befindet sich im ständigen Kampf mit der Dingwelt und seinen Mitmenschen. Seine Welt scheint durchzogen von Hürden und Hindernissen, die er nicht durchschauen kann, weil er nicht die nötige Distanz zum Geschehen hat. Trotzdem lässt Hulot sich nie unterkriegen; obwohl er oft scheitert, ist er nie enttäuscht. Er bewahrt sich eine einzigartige Unbeschwertheit, mit der er gegen die Unzulänglichkeiten einer Welt anrennt, an der er nicht teilzuhaben scheint.

Wo Hulot auftaucht, werden scheinbar geordnete Abläufe aufgebrochen, bspw. In „Mon oncle“, als er die Routine in der Fabrik durcheinander bringt oder in „Les vacances de M. Hulot“, als er nur durch seine Anwesenheit den Hotelbetrieb stört, auch in „Playtime“ beschleunigt er durch seine Taten die Dekonstruktion des Nachtclubs. Dabei muss Hulot „nicht einmal persönlich anwesend sein, denn er ist nichts anderes als die metaphysische Verkörperung einer Unordnung, die noch lange anhält, wenn er selbst schon wieder woanders ist.“ (Bazin). Es scheint als infiziere der Unangepasste Hulot, seine Umgebung mit Individualität.

Dabei lässt Hulot sich stets treiben. Er wirkt meist ängstlich, unbeholfen und ungemein willensschwach; es ist als würden andere für ihn entscheiden. So ist Hulot im Grunde genommen mit einem Kind vergleichbar, das sich die Welt erst begreiflich machen muss. Durch den neugierigen Blick eines unschuldigen Kindes ermöglicht Hulot wiederum dem Zuschauer eine andere Sicht auf die Welt. „Hulot sieht, was andere übersehen und ist blind für das, was kaum jemandem entgeht.“ (Maddock). Auch sein Outfit verstärkt den Eindruck des Infantilen.

Obwohl Hulots Kleidung einen Widererkennungswert besitzt, verändert sie sich von Film zu Film, so dass man faktisch nicht von einem Hulot-typischen Outfit sprechen kann. Sein Jackett ist in den Ferien noch ziemlich kurz, während es in „Mon oncle“ schon fast trenchcoatartig wirkt, in „Playtime“ hat es eine andere Farbe (grau) und in „Trafic“ ist es wieder beige und etwas kürzer. Lediglich die zu kurzen Hosen und die bemusterten Socken sind stets gleich bleibende Attribute seines Kleidungsstils.

Auch Hulots Requisiten fallen auf. So hat er seit seinen Ferien eine Pfeife dabei und seit „Mon oncle“ seinen Schirm, der wie eine zusätzliche Extremität wirkt. Dabei regnet es in keinem der Hulot-Filme (einzig am Ende von „Trafic“, setzt das erste Mal Regen ein und der Schirm wird zum ersten Mal aufgespannt).

Hulots Hut in Verbindung mit seiner Pfeife machen es schwer, seinen Gesichtsausdruck zu deuten. Stets scheint er sein Gesicht vor der Welt zu verstecken. So ist Hulots Mimik ein weiterer schwer zu fassender Aspekt seiner Erscheinung und stellt offensichtlich einen großen Unterschied zum naiv-dümmlichen François aus „Jour de fête“ dar. Die expressive, fast pantomimische Mimik des Postboten, wird durch Hulots zurückgenommenes, mimisches Spiel ersetzt.

Hulot kommuniziert eher mit seinem Körper, da er auch das Sprechen zu verweigern scheint. In einer Welt, die durch das unreflektierte Gerede anderer verschmutzt wird, ist es nur konsequent von Hulot, seinen Mund zu halten. Dabei agiert Hulot stets mit „radikaler Höflichkeit“. Nie würde er einem Mitmenschen bewusst etwas Böses antun; im Gegenteil: Hulot scheint, eine besondere Wertschätzung für seine Umwelt und seine Mitmenschen zu haben. Er besitzt eine ausgeprägte Wahrnehmung für die kleinen Dinge und Situationen des Lebens, die durch ihre Alltäglichkeit kaum einem anderen auffallen.

Am Ende eines jeden Films verschwindet Hulot. In „Les vacances de M. Hulot” verlässt er seinen Ferienort, in „Mon oncle” entschwindet er in ein Flughafengebäude, in „Playtime” scheint er im Trubel der Masse unterzugehen und in „Trafic” verliert er sich mit Maria im Autoverkehr. Das Ende ist somit immer irgendwie offen. Tati überlässt Hulot seinem Schicksal.

Anders als François, der im Verlauf von „Jour de fête“ eine Veränderung durchmachte (als geläuterter Vertreter des amerikanische Lebensstils, kehrt er bodenständiger in sein gewohntes Leben zurück), scheint Hulot dazu verdammt zu sein, seine Fehler zu wiederholen, ohne aus ihnen zu lernen. Hulot entwickelt sich nie im Verlaufe eines Films. Er bleibt stets der, der er zu Beginn der Filmhandlung war. Hulots Charakter verändert sich eher zwischen den Filmen. So ist Hulot keineswegs ein statischer, abgeschlossener Charakter, sondern eher eine instabile Ansammlung von bestimmten menschlichen Eigenschaften.

(-Nov 2009-)

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1 Response to “Annäherung an Tatis Monsieur Hulot”


  1. 19. Februar 2015 um 09:44

    Supongo que quedarán estupendas. Lo importante es buscar un queso fuerte y cremoso, que contraste con el sabor de la manzana y del bacalao. Un saludo. Ana
    Find More http://www.nordstormdresses.com


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Kein Anspruch auf Vollständigkeit. Kein Anspruch auf Richtigkeit. Pure Subjektivität eines Einäugigen...

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