05
Nov
10

Fahrenheit 451 – Traum und Utopie

Truffauts erster Farbfilm wirkt gleichermaßen befremdlich, verstörend und auf sonderbare Weise beklemmend. Nie erscheint diese Zukunftsversion kohärent oder überhaupt plausibel. Zwar gibt es futuristisch wirkende Attribute, wie durch die Luft fliegende Suchtrupps oder die Einschienenbahn, gleichzeitig aber wirken diese Konstruktionen merkwürdig deplaziert und auf sonderbare Weise unpraktisch. Die aus dem Science-Fiction-Genre bekannte visionäre Perfektion der Zukunft fehlt in Truffauts Alptraum-Utopie völlig. Mehr noch: Viele Details des Films, wie die klassizistischen Badezimmer-Armaturen oder die veralteten Telefone, weisen sogar eher in die Vergangenheit…

Gewisse Ähnlichkeiten zu Tatis „Mon Oncle“ oder auch „Playtime“ sind nicht zu leugnen. Die grotesk wirkenden Reihenhäuser und gewisse mechanisierte Arbeitsabläufe sind genauso Beispiel dafür, wie der oft erschreckend unbeteiligte, maskenhaft-stilisierte  Gesichtsausdruck, mit dem Montag den Unzulänglichkeiten seiner Welt entgegentritt (ähnlich eben wie Monsieur Hulot).

Kameratechnisch wirkt der kühl anmutende Film überraschend poetisch. Zu nennen wäre bspw. die extrem lange Kamerafahrt zu Beginn des Films, die die Unterhaltung Montags mit Julie auf dem Weg nach Hause begleitet. Die wunderschön erarbeiteten Überblendungen machen den Charme des Films ebenso aus, wie die etwas altmodisch wirkenden Rückprojektionen. Truffaut-typisch sind Rückgriffe auf zwei, bei ihm sehr beliebte filmtechnische Mittel: die Kreisblende und die Reduzierung des Bildraums. Truffaut benutzt diese Mittel in „Fahrenheit 451“ sehr behutsam, während beide Verfahren gerade in seinem Frühwerk noch häufig verwendet wurden. Man glaubt eine Entwicklung zu erkennen: Aus dem Avantgardisten wird ein Erzähler.

Das erste Mal wagt sich Truffaut auch an eine Traumsequenz, die u.a. surreale Elemente wie viragierte Filmteile und schwebende Bücher beinhaltet. Natürlich spielen Bücher eine prominente Rolle in diesem Film – Truffaut geht sogar so weit, aus Menschen Bücher zu machen. Diesbezüglich besonders eindrucksvoll (gerade auch stilistisch) ist die langsame Verbrennung eines Bücherstapels. Die einzelnen Seiten eines jeden Buches scheinen geradezu einzeln in Flammen aufzugehen; als würde das Feuer selbst das Buch Seite für Seite aufblättern. Der visuelle Reiz dieser Sequenz, verbunden mit der geschichtlichen Konnotation des Gezeigten und der extremen Ausgedehntheit des Vorgangs… quälend-schön.

Wieder beschäftigt sich Truffaut in „Fahrenheit 451“ mit gestörter menschlicher Kommunikation; ein Thema, an dem er sich bereits in früheren Filmen abgearbeitet hat. Besonders die Gespräche Montags mit seiner Frau, oder auch die beängstigenden Kommunikationsversuche Lindas mit ihrer Fernsehfamilie zeigen diese Gestörtheit sehr deutlich.

„Fahrenheit 451“ hegt keinen Anspruch eine geschliffen-perfektionierte Science-Fiction-Utopie zu sein, sondern ist  eher als futuristisches Märchen aufzufassen. Eine (im wahrsten Sinne des Wortes) Fabel-hafte Verbindung aus Vergangenheit und Zukunft.

(-Dez. 2007-)

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Fahrenheit 451 (F / 1966)

R: Truffaut / K: Roeg / D: Truffaut (nach Bradbury)

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