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Die Unverschämten

Bei dem 1957 entstandenen Kurzfilm „Die Unverschämten“, handelt es sich um einen ungemein impulsiven Film, in dem die zugegebenermaßen minimale Handlung mit wahnwitzigem Tempo vorangetrieben wird. Auch mehr als 50 Jahre nach seinem Erscheinen versprüht der Film immer noch den unvergleichlichen Charme und den Elan, den es ausschließlich in Erstlingswerken zu geben scheint.

Standbild aus "Les Mistons" - "Die Unverschämten"Schon die erste Einstellung – die Fahrradfahrt; frontal gefilmt – bereitet den Zuschauer auf den rasanten Stil vor, mit dem Truffaut durch den 17-minütigen Film jagt. Man meint die Befreiung Truffauts zu erkennen, nun endlich die Möglichkeit zu haben, SEINEN ersten Film – nach intensivem Selbststudium in den Kinosälen – realisieren zu können.

Truffaut selbst bezeichnete „Die Unverschämten“ als Film der Unbekümmertheit und der Entdeckung. Und so wie er (als Regisseur) die Welt des Filmens entdeckt, so entdecken seine fünf Hauptdarsteller, die Liebe; ohne jedoch an ihr teilhaben zu können/dürfen. Denn sie befinden sich in diesem schwierigen Stadium im Leben eines Heranwachsenden, in dem das Erwachsensein genauso weit entfernt scheint, wie das Kindbleiben. Eine Tragik schwingt mit, die den gesamten Film über spürbar ist…

Ob nun Fahrrad gefahren, Tennis gespielt oder durch die Strassen gejagt wird, immer hat man das Gefühl, dass die vorangegangene Sequenz zu kurz war. Oft möchte man das Bild einfrieren um die wunderschönen, fast unschuldig wirkenden Bilder noch länger zu genießen. Dabei findet sich nie ein toter Punkt in Truffauts Erzählweise. Im Gegenteil: alles ist im Fluss, alles ist wichtig, alles ist schön.

Auch gibt es im kompletten Film nicht eine einzige Einstellung die in einem Innenraum spielt. Jede einzelne Aufnahme wird von der, für Filmemacher wohl billigsten Lichtquelle beleuchtet; der Sonne. Nicht zuletzt dadurch gelingt Truffaut auch diese unglaublich intensive Zeichnung einer typischen Hochsommer-Atmosphäre.

Trotzdem Geschwindigkeit und Verve des Films durchaus auf Truffauts Jugendlichkeit hinweisen, offenbart „Die Unverschämten“, das immense filmische Wissen des 25-jährigen Autodidakten. Immer wieder gibt es kurze Einstellungen (die meist wie Einschübe wirken) in denen Truffaut auf die Frühgeschichte des Kinos abhebt. So zum Beispiel beim Spielen der Kinder, wenn Truffaut die Aufnahme rückwärts ablaufen lässt und ein gerade „verwundeter“ Spielkamerad wie von Zauberhand wieder aufersteht – ein Verfahren das die Brüder Lumière zur Belustigung des Publikums auch in ihrer Vorführpraxis verwandten.

Standbild aus "Les Mistons" - "Die Unverschämten"Eine weitere besonders auffällige Einstellung ist die, in der „L’Arroseur arrosé“ (auf deutsch vielleicht: „Der begossene Begießer“ – der wohl erste Film mit einer Handlung) imitiert wird. In slapstickartiger Geschwindigkeit sehen wir einen Mann mit Gartenschlauch, der sich dank des Streichs eines der Protagonisten selbst begießt (interessanterweise fehlt bei Truffaut jedoch die Bestrafung des Übeltäters).

Zu guter letzt ist da natürlich noch die Anspielung auf „L’Arrivée d‘un train en gare de La Ciotat“ („Die Ankunft eines Zuges in den Bahnhof La Ciotat“ – der legendäre Film, bei dem die Zuschauer aus Angst vor dem heranfahrenden Zug das Kino verlassen haben sollen). Truffaut deutet diesen Film, bei der Trennung des Liebespaares, nur an (Kameraeinstellung und Setting passen jedoch genau und weisen auf diesen frühen Film hin).

Darüber hinaus gibt es auch immer wieder Einstellungen mit denen Truffaut überrascht, zu erwähnen wäre vor allem der (mindestens) 200°-Schwenk von einem riesigen Viadukt auf die Gesichter der Jungen, oder eben die zwar verwackelte aber wirkungsvolle Fahrradfahrt zu Beginn des Films.

Sicherlich fehlt Truffauts Erstlingswerk die Perfektion und die imaginäre Reife seiner späteren Filme – gerade die oftmals verwackelten Kameraschwenks, die schlechte Tonqualität und die überdramatisierte Handlung fallen diesbezüglich auf… Dennoch gelingt Truffaut mit „Die Unverschämten“ eine liebenswert unbekümmerte, poetische Reflexion über Liebe, Freundschaft und Tod.

(-Nov. 2007-)

__________

Les Mistons (F / 1957)

R: Truffaut / K: Malige / D: Truffaut (nach Pons)

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1 Response to “Die Unverschämten”


  1. 16. Januar 2014 um 03:01

    Your content is valid and informative in my personal opinion. You have really done a lot of research on this topic. Thanks for sharing it.


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