15
Dez
10

Oktober – Schaffung eines Mythos‘

Die Schaffung eines Mythos‘ als sowjetisches Prestigeprojekt

Ich muß zwar bekennen, dass ich die Geschichte oft ‚nach meinem Bilde‘ meiner Willkür, meinem Geschmack ‚verbogen‘ habe, aber wenn ich mich auch nicht immer an den Buchstaben gehalten habe, so war ich doch bemüht, den Geist zu wahren (…). Aber nicht nur das. Ich war immer bemüht, Situation und Bild des historischen Ereignisses und der historischen Tatsache auf den Leisten einer primären sinnlichen Situation ‚aufzuziehen‘…“ (Eisenstein).

Im Jahre 1927 wurde Sergej M. Eisenstein, anlässlich des zehnten Jahrestages der Oktoberrevolution, damit beauftragt das offizielle Film-Bild der Revolution zu gestalten. Dafür wurden Eisenstein – nach dem weltweiten Erfolg von „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925) zum führenden Regisseur der Sowjetunion aufgestiegen – enorme Mittel zur Verfügung gestellt: Das Budget von „Oktober“ überschritt das eines sowjetischen Durchschnittsfilm um das Zwanzigfache. Auch durfte Eisenstein monatelang im Winterpalais drehen, auf dem Höhepunkt der Stromkrise; mit einem Heer von mehr als 10.000 Statisten…

Trotz dieses enormen Aufwands, kam der Film nicht rechtzeitig zum zehnten Jahrestag der Revolution in die Kinos, und hatte, da Form und Stil des Films weitaus experimenteller und unzugänglicher waren als bspw. noch in „Panzerkreuzer Potemkin“, auch nicht „die Breitenwirkung, die man sich von einem Film über die Oktoberrevolution erhoffte“ (Sudendorf). Eisenstein schuf nicht das spektakuläre und massenfähige Film-Bild der proletarischen Revolution, sondern eher einen experimentellen Kunstfilm, der die Theorie der „intellektuellen Montage“ veranschaulicht.

So finden sich eine Vielzahl symbolisch-allegorischer Sequenzen, die die Bezüge der Handlung zu Zeit und Raum völlig auflösen. Andererseits gibt es aber auch sehr realitätsnahe, anhand von Augenzeugenberichten, detailgetreu nachinszenierte Passagen, in denen durch Zwischentitel sogar explizit auf Ort und Zeit der Handlung hingewiesen wird. Gerade diese verschiedenen Formen der Darstellung geschichtlicher Ereignisse machen deutlich, dass es sich bei „Oktober“ keineswegs um einen ausgeglichenen Film handelt. Zwar hangelt sich Eisenstein oft an bestimmten Argumentationsketten durch die Ereignisse, doch wirken die einzelnen Abschnitte trotzdem stilistisch sehr unterschiedlich und keineswegs kohärent.

Eisenstein sprach sich für eine Befreiung und eine Universalität des Films aus: „Ob mit Spielfilm- oder mit Dokumentarfilmmitteln -, seine [des Films] Ästhetik sollte vor allem von einer grundsätzlichen und ideologischen Konzeption ausgehen, bei der jede Art der Gestaltung des Materials von Wirklichkeit und ideeller Absicht stilistisch vertretbar, vieles miteinander vereinbar und in gleicher Weise würdig wäre, in ein synthetisches Filmwerk (…) aufgenommen zu werden“ (Eisenstein). Dieses Ziel erreicht Eisenstein in „Oktober“ definitiv. Er schafft einen Film, der eine Synthese verschiedener Künste darstellt (Filmkunst, Bildhauerei, Musik (gerade auch in Bezug auf den Montagerhythmus), Architektur, Psychoanalyse usf.); einen Film der eine intellektuelle Auseinandersetzung mit Begriffen und Zeichen ermöglicht – und verlangt.

Aber Eisenstein kommentiert und/oder interpretiert auch in nahezu jeder Sequenz seines Films die historischen Ereignisse, wodurch zwangsläufig eine mehr oder weniger starke Lenkung des Zuschauers stattfindet. Dennoch sind die von Eisenstein verwendeten Symbole, Assoziationsketten und „Metapher-Nester“ meist sehr weit interpretierbar und mindestens doppeldeutig, so dass „Oktober“ trotz erkennbarer Tendenzen keineswegs als eindimensionaler Propagandafilm gesehen werden kann.

„Oktober“ wurde zum mächtigen Stoß für die Theoriebildung. Die „Bibel des neuen Films“ (Vgl.: Bulgakowa). Eine intellektuelle und ästhetische Auseinandersetzung mit der Revolution, die verbunden mit der damit einhergehenden stilistischen Ungleichheit, beim Publikum und bei der Partei weitestgehend auf Unverständnis stieß. Nichtsdestotrotz schuf Eisenstein mit „Oktober“ das wichtigste und weitverbreitetste „Dokument“ der Oktoberrevolution. Seine Bebilderung der Geburt einer Nation.

(-Juni 2008-)

__________

Oktyabr (UdSSR / 1928)

R: Eisenstein / K: Tissé / D: Aleksandrow

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


Unter den Blinden…

Kein Anspruch auf Vollständigkeit. Kein Anspruch auf Richtigkeit. Pure Subjektivität eines Einäugigen...

kategorisiert

Hier die E-Mail-Adresse eingeben, um über neue Beiträge informiert zu werden.

Schließe dich 6 Followern an


%d Bloggern gefällt das: