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Eisensteins Iwan, der Schreckliche

Eisensteins ursprünglich als Trilogie geplanter Zweiteiler „Iwan, der Schreckliche“, zählt wohl zu den meist unterschätzten Werken der Filmgeschichte; was wohl einerseits auf die schwierige Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte zurückzuführen ist, andererseits aber auch der – für Eisenstein typischen – komplexen Zugänglichkeit der Filme geschuldet sein kann.

Die beiden Filme beschäftigen sich mit ausgewählten Stationen im Leben des russischen Zaren Ivan IV. Im ersten Teil – 1944 fertig gestellt – wird die Machtübernahme Iwans, die absolutistische Herrschaft des jungen Zaren und die Bekämpfung der äußeren Feinde Russlands beschrieben. 1946 folgte dann der zweite Teil, der hauptsächlich die Intrigen am Hof und die autoritäre Paranoia Iwans gegenüber seinen Untergebenen behandelt. Kurioserweise wurde Eisenstein für den ersten Teil des Films der renommierte Stalin-Preis verliehen, während der zweite Teil von Stalin sogar verboten wurde und erst unter Chruschtschow im Jahre 1958, im Rahmen der laufenden Entstalinisierungsmaßnahmen uraufgeführt wurde. Den dritten Teil der Trilogie konnte Eisenstein aufgrund seines frühen Todes nie fertig stellen. Die geplante glorifizierende Stalin-Parabel, die dem Herrschenden anfangs noch zugesagt hat, entwickelte sich im zweiten Teil zu einer entlarvenden Anklage.

Die beiden Iwan-Filme bilden ein stilistisch ungemein eindrucksvolles und kohärentes Werk. Dabei fällt vor allem die expressionistische Inszenierung auf, deren Wirkung durch faszinierende Kameraeinstellungen und ausgefeiltem Bildaufbau noch gesteigert wird. Darüber hinaus entstehen durch den genialen Einsatz des Schwarz-Weiß Bildes Kontraste, die vorher (wenn überhaupt) lediglich im deutschen Film der zwanziger Jahre zu finden waren. Überhaupt orientiert sich Eisenstein in „Iwan, der Schreckliche“ bildtechnisch stark am Stummfilm. Gerade die visuelle Erzählweise spricht diesbezüglich für sich.

Zusammen mit seinem Kameramann Eduard Tissé lässt Eisenstein aus Filmbildern Gemälde werden. Die beeindruckende Lichtsetzung vermittelt dabei zusätzlichen Subtext und erklärt, teilweise nur durch die Beleuchtung einzelner Bildausschnitte, ganze Handlungsstränge und Motivationen. Auch Großaufnahmen gewinnen eine nie dagewesene Qualität. Gesichter werden zu Landschaften. Sich in der Filmfigur abspielende innere Vorgänge können auf diese Weise vom Zuschauer, lediglich durch den Blick auf das Gesicht der Protagonisten, gedeutet werden.

Überhaupt findet der filmische Expressionismus, der im Verlauf der 40er Jahre auch im Film-Noir wieder aufgegriffen wurde, durch „Iwan, der Schreckliche“ seinen (nicht mehr zu steigernden) Höhepunkt. Diesbezüglich fällt vor allem auch der Einsatz von Schatten auf. In vielen Einstellungen begleiten monströse Schattenwürfe die winzig kleinen Charaktere. Bezeichnenderweise wirkt der Schatten Iwans in Vergleich zu seinen Mitmenschen meist riesig; auch dadurch stellt Eisenstein die unangefochtene Autorität und Macht des Zaren aus.

Den Höhepunkt dieser Vorgehensweise bildet dabei sicherlich das Ende des ersten Teils, in dem Iwan in seinem selbstgewählten Exil, die bittenden Bürger Moskaus erwartet. Eine Kilometerlange Menschenkette zieht sich durch die Landschaft. Bis Iwan ins Bild kommt. Sein beeindruckendes Profil wirkt dabei so gigantisch wie die gesamte Menschenmenge zusammen.

Hier kommt ein weiteres Gestaltungsmerkmal dieser Filme zum Vorschein: die extreme Geometrie der Bilder. Stets folgt der Bildaufbau bestimmten Linien und Ornamenten. Nicht selten wirken die Einstellungen wie am Reißbrett entworfen. Die dadurch entstehende irrationale Strenge ist charakteristisch für die Iwan-Filme. Die nicht nachzuvollziehende Perfektion beeindruckt in jeder Hinsicht.

All diese gestalterischen Finessen dienen natürlich nicht dem Selbstzweck (schon gar nicht bei Eisenstein). Man hat das Gefühl, dass in jeder Einstellung ganze Universen an Nebenbedeutungen und Interpretationseinladungen mitschwingen. Besonders der enorme Detailreichtum und die diversen Bildhintergründe mit unterschiedlichen Schatten und einer Vielzahl an Wandgemälden, bieten immer wieder Raum das Auge schweifen zu lassen. Der große Theoretiker Eisenstein, der die Montagetechnik am Ende der Stummfilmzeit mit „Oktober“ fast unsteigerbar ausgereizt hat, scheint nun durch die extreme Verwendung von Schärfentiefe, in jedem einzelnen seiner Bilder Sinn zu montieren.

Gerade in diesem Punkt fällt auch die extreme Langsamkeit auf, mit der Eisenstein seinen „Iwan“ ablaufen lässt. Die epischen Einstellungen lassen dem Zuschauer dabei genügend Zeit, sich in den Bildern zu verlieren. Während Eisenstein in seinen Stummfilmen vereinzelt bis zu 12 Einstellungen pro Sekunde (!) verwendete, fließt der „Iwan“ gravitätisch vor sich hin – und gewinnt dadurch ungemein an Intensität. Die epische Größe ist in jeder Hinsicht spürbar.

Trotz dieser Langsamkeit wird die Handlung jedoch keineswegs kontinuierlich erzählt. Im Gegenteil; es gibt viele Sprünge. So liegt zwischen einem militärischem Sieg Iwans und seinem Krankheitsbedingten Nahtod nur ein Schnitt… während wiederum das Verharren am Totenbett seiner Frau Anastasia nahezu 20 Filmminuten einnimmt. Kurzum: Eisenstein beschäftigt sich ohne Rücksicht auf Erzählkonventionen mit den Elementen der Handlung, die ihm für die Charakterisierung seiner Hauptfigur wichtig sind.

Dabei ist „Iwan, der Schreckliche“ zu jeder Zeit ein Film der ganz großen Gesten. Oft fühlt man sich an eine Oper erinnert. Die sehr visuelle Erzählweise wird zudem noch von der monumentalen und beeindruckenden Musik Sergei Prokofjews unterstützt.

Einen nicht unerheblichen Anteil an der gelungenen Charakterisierung Iwans hat natürlich auch der Hauptdarsteller Nikolai Tscherkassow, der vom milchgesichtigen Jüngling, der die Zarenkrone übernimmt zum machtversessenen, autoritären und düsteren Zaren wird. Unterstützt durch Beleuchtung, Kameraarbeit und Maske, gelingt Tscherkassow die beeindruckende Darstellung der Transformation Iwans zum Schrecklichen.

Eine weitere Besonderheit des Films ist der Wechsel von Schwarz-Weiß zu Farbfilm am Ende des zweiten Iwan-Films. Diese Maßnahme wirkt für den Betrachter auf den ersten Blick wie ein Schock, doch stellt sich auch hier schnell heraus, dass die perfekte Kameraarbeit und Lichtdramaturgie auch in Farbe weitergeführt werden. Mehr noch: Die beängstigende Gestalt Iwans bekommt gerade durch den Farbeinsatz noch eine weitere, nicht mehr für möglich gehaltene, Steigerung.

„Iwan, der Schreckliche“ ist trotz der schwierigen Produktionsbedingungen (unter Stalins Aufsicht; während des Krieges gedreht) eine uneingeschränkte filmische Offenbarung. Die radikale Machart des Films, verbunden mit dem perfektionistischen Gestaltungswillen und der visuellen Erzählweise, machen „Iwan“ zu einem Meilenstein der Filmgeschichte – und einem einzigartigen Gesamtkunstwerk. So wird Kino wohl nie wieder aussehen…

__________

Iwan Grosnij (UdSSR / 1944)

Iwan Grosnij: Skaz wtoroy – Boyarskiy zagowor (UdSSR / 1946 / 1958)

R: Eisenstein / K: Tissé / D: Eisenstein

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3 Responses to “Eisensteins Iwan, der Schreckliche”


  1. 16. Januar 2011 um 23:48

    ich bin froh das ich das vergnügen hatte diese beiden filme zu sehen, da ich sowieso sehr für iwan bin und die filme wirklich eine schöne stimmung rübergebracht haben. ich muss aber sagen das mir der zweite teil doch besser gefallen hat, als der erste. er war nicht ganz so pompös und hat einem viel subtiler das gerangel um den zarenthron aufgezeigt!


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