Archiv für Februar 2011

28
Feb
11

Kinder des Olymp – Sehnsucht nach der Sehnsucht

Vorneweg: Die Handlung von Marcel Carnés „Kinder des Olymp“ hinterlässt – gelinde formuliert – einen recht blumigen Eindruck. In einer Vielzahl von Handlungssträngen, beschäftigt sich der in zwei Epochen unterteilte Film mit dem Leben auf dem Boulevard du crime im Paris des 19. Jahrhunderts. Mit von der Partie sind, um nur die Hauptfiguren zu nennen: ein reicher Graf, ein durchtriebener Dieb, ein sensibel-sentimentaler Pantomime, ein bitterer Vagabund, ein hochmütiger Schauspieler, eine liebevolle Ehefrau und zu guter Letzt eine femme fatale in Reinform, die im Verlauf des Films von vier Männern begehrt wird. Kurzum: alle erdenklichen Stereotype geraten in einen Strudel aus Liebe, Sehnsucht und Intrigen. Soweit so gut…

Erstaunlicherweise wirkt der Film dabei trotz der vielen Banalitäten und des Kitschs nie wie eine aufgeblasene Seifenoper. Vielleicht gerade weil sowohl Aufbau, als auch Struktur der Handlung an die Tradition des französischen historischen Romans des 19. Jahrhunderts (Dumas, Hugo usf.) anknüpfen bzw. diese nachahmen. So entsteht letztendlich ein zwar überladenes, aber stets exaktes und eloquentes Bild einer Gesellschaft.

Dabei versucht „Kinder des Olymp“ in keiner Weise Realismus vorzugaukeln. Schon die erste Einstellung des Films – ein Theatervorhang wird gehoben, um den Blick auf die Handlung freizugeben – weist explizit darauf hin, dass man als Zuschauer einem Schauspiel, einer fiktiven Handlung beiwohnt. Und dies ist nur der Auftakt zu einer sich durch den gesamten Film ziehenden Reflexion über Kino, Traum und Illusion. Schon das Setting auf dem Boulevard du crime, einer Pariser Vergnügungsmeile spielt auf diese Thematik an. Jahrmarktsbuden, Illusionisten und Schausteller verführen Vergnügungswillige, auf der Suche nach Ablenkung und schneller Unterhaltung. Der Versuch einer Flucht…

Eben dieser Eskapismus wird im Verlauf des Films auf verschiedenen Ebenen weiter thematisiert. Denn genauso wie die mittellosen Theaterzuschauer auf dem Olymp – den billigen, obenliegenden Plätzen des Zuschauerraums – flüchten auch die Protagonisten des Films in eine Scheinwelt. In die Welt des Theaters (wie Frederick), in unzählige Liebesabenteuer (wie Garence) oder in das Reich der Imagination und des Traums (wie Baptiste).

Beständig spielt der Film mit diesen verschiedenen Realitäten. Hinzu kommen noch die vielen im Verlauf des Films vorgeführten Bühnenstücke, die die Handlung nochmals rekapitulieren, oder teilweise sogar weiterführen. Es entsteht ein subtiler stilistischer Bruch, der jedoch niemals wie eine Zäsur wirkt; sondern eher wie die Fortführung der Filmhandlung mit anderen Mitteln. Dieses ständige ver- und entknüpfen der verschiedenen Ebenen macht den Reiz des Films aus und erschließt gleichzeitig vielfältige Interpretationsmöglichkeiten.

Zudem spielt „Kinder des Olymp“ auch kontinuierlich auf die extreme Durchdringung von Kunst und Realität an; und stellt dabei zugleich die Unvereinbarkeit dieser beiden Pole heraus. So kann bspw. nie eine der vielen Bühnensequenzen ohne die privaten Probleme der Protagonisten aufgeführt werden; stets scheinen berufliche Unzulänglichkeiten auch auf den Alltag der Agierenden auszustrahlen. Oft werden dabei Bühnenillusionen bewusst durch die Akteure zerstört. In diesem Bruch der Illusion erste Anklänge an die Nouvelle Vague zu deuten, ist sicherlich gewagt, doch nicht unbedingt unbegründet.

In jedem Fall stellt „Kinder des Olymp“ stets auch eine intelligente Reflexion über die Kunst und das Schauspiel an sich dar. Von Schaustellern, Aktionskünstlern und Marktschreiern, über Commedia dell’arte, Pantomime und Operette, bis hin zu Freakshows, Varieté und Burlesque reicht die Spannweite der im Film gezeigten theatralischen Elemente. Ein Sammelsurium der Schaulust…

An dieser Stelle seien die schwierigen Produktionsbedingungen des Films erwähnt. Noch während des zweiten Weltkriegs und teilweise unter Nationalsozialistischer Besatzung produziert, stellt der Film ein beredtes Denkmal der künstlerischen Überlebensfähigkeit dar. Durch kompromisslosen Aufwand und diszipliniertes Durchsetzungsvermögen entstand ein zeitloses Meisterwerk, das nur durch die Kollektivanstrengung einer „Equipe“ (wie Truffaut die Filmschaffenden von „Kinder des Olymp“ bezeichnete) realisiert werden konnte. Das Ergebnis: ein starkes und poetisches Gesamtkunstwerk, das in den Jahren großer Entbehrung, wie ein Relikt aus alten Zeiten und gleichsam wie ein Aufbruchssignal gewirkt haben muss.

Handwerklich ist „Kinder des Olymp“ definitiv ein ausgereifter und erhabener Film voll Überschwang und Liebe zum Detail. Durch die poetischen Dialoge und Stimmungsbilder, die durch den unaufdringlichen Ansatz der Kamera noch mehr gewinnen, entspinnt sich ein subtiles Spiel der Bedeutungen. Gleichzeitig zeichnet der Film durch die extrem heterogene Handlung, mit einer schlafwandlerischen Leichtigkeit, nacheinander ganz unterschiedliche Gemütslagen; die sich niemals gegenseitig unterhöhlen, sondern stets ein zusammenhängendes und reifes Werk bilden. Auf diese Weise wird „Kinder des Olymp“ zu einem mit Massenszenen gespickten, epischen Kammerspiel, das gleichzeitig Melodrama, Komödie, Burlesque und Tragödie ist.

Dabei bleibt „Kinder des Olymp“ jederzeit eine sensible Betrachtung der latenten Wechselwirkung zwischen Realität, Traum, Sehnsucht und Eskapismus. Bezeichnend dafür ist die großartige Schlusssequenz: Während des Karnevals folgt Baptiste seiner großen Liebe Garence durch eine irrwitzige Ansammlung von verkleideten, feierwütigen Menschen. Durch die unzähligen Masken und Kostüme verwandelt sich jeder Akteur des Films, sichtbar in einen Schauspieler; der wiederum in eine bestimmte Rolle verfällt. Endlich scheinen Realität und Illusion, Traum und Bühne eins geworden zu sein. Und genau in diesem Augenblick senkt sich dann der Vorhang. Der Film ist aus und wir, die Kinder des Olymp, begeben uns auf die erneute Suche nach weiteren Illusionen…

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Les enfants du paradis (F / 1945)

R: Carné / K: Hubert / D: Prévert

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20
Feb
11

Jim Jarmuschs Mystery Train

Auch in seinem vierten Langfilm „Mystery Train“ blickt Jim Jarmusch wieder aus der Perspektive von Außenseitern auf ein müdes und abgekämpftes Amerika. Er zeigt urbane Alpträume und eigenwillige Menschen unterschiedlicher Kulturen, die scheinbar zufällig zusammenkommen und ihre Welt, ihr Leben und sich selbst neu entdecken. Trotzdem Jarmusch diese Thematik schon in seinen früheren Filmen ausführlich behandelt hat, stellt „Mystery Train“ eine neue Qualität in seinem Schaffen dar. Jarmusch wird zum radikalen Beobachter und lässt dabei das Klischee des Erzählers immer weiter hinter sich.

Standbild aus Mystery TrainIn drei nacheinander ablaufenden Episoden zeigt Jarmusch kurze Geschichten, die alle zur selben Zeit am selben Ort (Memphis) spielen, doch dennoch kaum Berührungspunkte aufweisen. Alle Episoden dieser „Memphis-Trilogie“ stehen im Grunde genommen für sich und sind durchaus auch als eigenständige Kurzfilme vorstellbar. Im ersten Teil, „Far from Yokohama“, begleiten wir ein junges Paar aus Japan, das sich auf die Suche nach den Wurzeln des Rock’n‘Roll begibt. „Ghost“ – die zweite Episode, handelt von einer Italienerin, die in Memphis jede Menge surreale Gestalten trifft… und den Geist von Elvis. In „Lost in Space“, der dritten Geschichte, lassen sich drei Außenseiter volllaufen. Im Rausch erschießt einer von ihnen einen Verkäufer…

Neben den winzigen Handlungen, fällt vor allem auf, dass Jarmusch allen Episoden eine Auflösung verwehrt. Er begleitet seine Charaktere, ohne Rücksicht auf Erzählkonventionen, nur so lange wie es ihm interessant erscheint. Zwar werden am Ende des Films die drei Handlungen Alibimäßig zusammengeführt, doch besteht diese „Zusammenführung“ lediglich darin, dass alle Protagonisten getrennt voneinander, zum selben Zeitpunkt die Stadt verlassen… Mehr nicht…

Jarmusch geht mit „Mystery Train“ in seiner minimalistischen Erzählweise ein Stück weiter als noch in „Stranger than paradise“ oder „Down by law“. Während sich die Protagonisten in seinen frühen Filmen ebenfalls am Ende des Films trennen und eigene Wege beschreiten, agieren sie doch wenigstens über weite Teile des Films miteinander. In „Mystery Train“ wird die Isolation des Menschen stärker betont. Auch hier gehen die Protagonisten der drei Episoden am Ende des Films getrennte Wege; doch sind sie sich vorher nie begegnet. Einzig Zeit und Ort verbinden die Figuren… was bleibt ist bittere Beziehungslosigkeit.

Dabei ist „Mystery Train“ stets mehr Stimmung als Erzählung. Es sind eher Momente, die den Episoden Stringenz verleihen. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, schafft Jarmusch eine intensive Nähe zu seinen Figuren. Ein gutes Beispiel ist die kurze Sequenz der ersten – und stärksten – Episode, in der die junge Japanerin versucht ihren unterkühlten Freund zum Lachen zu bringen. Dieser kurze unglaublich dezente und dabei so wirkungsvolle und witzige Moment, steht exemplarisch für den ganzen Film, wenn nicht sogar für das gesamte Frühwerk Jarmuschs: Ihm gelingt eine minimalistische, fast dokumentarisch wirkende Beobachtung von einzigartigen Menschen, die an fremden und unwirtlichen Orten zu sich selbst finden.

Diese „magischen Momente“ wären ohne die bemerkenswert präzise Kameraarbeit Robby Müllers kaum vorstellbar. Mit dem Blick eines Fremden entdeckt seine Kamera neue Welten und generiert dabei gleichzeitig Schönheit und Poesie aus Bildern urbaner Trostlosigkeit. Bezeichnend sind die Passagen des Films, in denen die Kamera neben den Protagonisten entlangfährt, um sie bei ihrer Entdeckungsreise zu begleiten. Diese für Jarmusch typischen Einstellungen geben dem Zuschauer das Gefühl ganz nah bei den handelnden Personen zu sein und praktisch mit ihnen durch die verlassenen Straßen zu wandern. Doch sehen wir uns in diesen Momenten nicht zusammen mit den Protagonisten die Stadt an, sondern wir sehen ihnen dabei zu, wie sie sich die Stadt anschauen. Eine merkwürdige Metaebene entsteht. Die Umgebung wird zur Kulisse; oder anders: sie transformiert sich zu einem Parabolspiegel, der die Intimität mit der Jarmusch seine Charaktere beschreibt um ein Vielfaches verstärkt.

Mit „Mystery Train“ baut Jarmusch der Geburtsstadt des Rock sicherlich kein Hochglanzdenkmal. Dennoch zeichnet er ein gefühlvolles, manchmal resignierendes aber stets liebenswertes Bild der Stadt. Dabei macht Jarmusch seinen Film schon durch die Besetzung zu einem Panoptikum der Rock-Musik; neben Joe Strummer, Screamin‘ Jay Hawkings und Rufus Thomas als Darsteller, ist auch die Stimme von Tom Waits zu hören; auch der allgegenwärtige Elvis erscheint in einer Vision. Jarmuschs Hommage wirkt dabei stets so ungestüm, vielfältig und dreckig, wie der Musikstil selbst.

Kurzum: „Mystery Train“ passt sicherlich in keine Schablone. Der Film ist gleichzeitig Liebes- und Bankrotterklärung. Ein stets zwischen Melancholie und Hoffnung schwankender Abgesang auf ein Land, auf eine Epoche und auf einen großen Traum…

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Mystery Train (USA / 1989)

R: Jarmusch / K: Müller / D: Jarmusch

13
Feb
11

Der schmale Grat – Schöner Krieg

Nach seinem Debut, dem furiosen Road-Movie-Liebesfilm „Badlands“ aus dem Jahr 1973 und dem großartigen Familienepos „In der Glut des Südens“ von 1978, legte Terrence Malick eine 20-jährige Schaffenspause ein, bevor er 1998 seinen dritten Film „Der schmale Grat“ herausbrachte. Ein Film, der sich mit der Eroberung der Pazifikinsel Guadalcanal durch amerikanische Truppen während des zweiten Weltkriegs beschäftigt. Doch trotz dieses Sujets kann „Der schmale Grat“ nur schwerlich als Kriegsfilm bezeichnet werden, denn eigentlich stehen eher die privaten Konflikte, Ängste und Probleme der Protagonisten im Mittelpunkt. Es ist eher Zufall dass gerade Krieg ist…

Schon der unkonventionelle Handlungsaufbau – mit der extrem langen Exposition, dem dramaturgischen und visuellen Höhepunkt etwa in der Mitte des Films und einem langsamen und langwierigen Ausklang – macht klar, dass Malick etwas anderes wollte, als eine konventionelle Kriegsgeschichte zu erzählen. Im Grunde genommen dient die Handlung des Films nur als Aufhänger, um die unterschiedlichen Seelenzustände und Ansichten der einzelnen Protagonisten darzustellen. Eigentliches Thema des Films ist der Mensch und das Panorama seiner Seele.

Um dies darzustellen, verwendet Malick neben einer Vielzahl subjektivierender Stilmittel (extreme Nähe der Kamera, episodenhafte Konzentration auf bestimmte Charaktere, subjektive Kameraeinstellungen usf.), reflektierende Voice-Over Kommentare, die er schon in seinen früheren Filmen einsetzte. Doch im Gegensatz zu seinem Frühwerk steht nicht nur ein einzelner Erzähler im Mittelpunkt, sondern eine Vielzahl an Protagonisten. Durch diesen multiplen Zugang verliert „Der schmale Grat“ natürlich an Stringenz, ermöglicht hingegen eine poetische, kompromisslose und scheinbar universale Reflexion über die Dualitäten Leben und Tod, Natur und Kultur, Psyche und Physis, Krieg und Menschlichkeit…

Dabei tragen Malicks extrem detailreiche Inszenierung, verbunden mit der intensiven Schauspielerführung und der exzellenten Kameraarbeit von John Toll, dazu bei, überwältigende Stimmungen zu generieren. In ungemein schönen und poetischen Bildern zeigt Malick neben imposanten Landschaftsaufnahmen, die vereinzelt die Seelenzustände der Protagonisten widerzuspiegeln scheinen, oft auch vermeintlich Nebensächliches, wie Detailaufnahmen von Pflanzen, Wellenbewegung und Windspiele auf Grasebenen… Bei Malick besteht Krieg eben nicht nur aus Schlachtengemetzel, Kameradschaftsfloskeln und Schützengrabenromantik, sondern auch aus der Schönheit der Natur; sozusagen als Gegengewicht zum Irrsinn des Krieges.

Gerade diese Taktik scheint auch für die Protagonisten zu funktionieren. Im Angesicht des Todes gewinnen für sie andere Werte an Bedeutung. Die Suche nach Schönheit, die Suche nach Sinn… und die Suche nach etwas Höherem. Durch diese hochintelligente, poetische und gleichzeitig zutiefst erschütternde Ebene, gewinnt „Der schmale Grat“ ungemein an Intensität. Malick inszeniert eine Art episches Psychospiel vor monumentalen Hintergrund.

Dabei stellt man sich oft die Frage gegen wen die Protagonisten wirklich kämpfen. Zumal die offiziellen Feinde (die japanischen Truppen) über weite Strecken des Films unsichtbar bleiben. Häufig hat es den Anschein als rennen die Soldaten gegen die überwältigende Natur an; der wahre Kampf findet jedoch in den Köpfen der Protagonisten statt. Durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven, die zudem häufig wechseln, wird deutlich, dass jeder seinen eigenen Krieg führt, dass jeder gegen seinen eigenen Feind kämpft… Stets auf dem schmalen Grat zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Formal besticht „Der schmale Grat“ auf allen Ebenen durch unglaubliche Perfektion. Von der Kameraarbeit über die Lichtsetzung (es wird meist mit natürlichem Licht gearbeitet) bis hin zur Schauspielerführung, scheint alles bis aufs Detail durchdacht und mit den finanziellen Mitteln eines Blockbusters kompromisslos umgesetzt. Eine besondere Erwähnung verdient an dieser Stelle die Tonspur. Die Musik von Hans Zimmer geht mühelos in atmosphärische Geräusche und subjektive akustische Erscheinungen über. Es entsteht eine komplexe symphonische Erfahrung, die in Verbindung mit den poetischen und stimmungsvollen Bildern zu einem optisch-auditiven Leckerbissen wird.

An manchen Stellen jedoch scheint Malick zu sehr in den klebrigen Hollywood-Honigtopf zu greifen… Beispielsweise wenn zum wiederholten Mal die wartende Ehefrau an der Heimatfront ihrem Liebsten nachsinnt, oder die japanischen Soldaten im Kampf Mann gegen Mann scheinbar ohne Gegenwehr abgeschlachtet werden… Auch der Alibi-Handlungsstrang um den alternden Colonel Tall (zugegebenermaßen großartig interpretiert von Nick Nolte), der seine Soldaten aus Karrieregründen in den sinnlosen Frontalangriff schickt, wirkt stark aufgesetzt. Es hätte dem Film sicherlich gutgetan auf einige dieser, für einen  Film zugegebenermaßen dankbaren Motive zu verzichten, die aus diversen Kriegs- und Antikriegsfilmen bekannt, mittlerweile zu peinlichen Stereotypen verkommen sind. An diesen Stellen verliert „Der schmale Grat“ etwas von seiner erhabenen Aura.

Nichtsdestotrotz bleiben Malicks einzigartige Erzählweise und die Art der Inszenierung atemberaubend und zutiefst bewegend. Er schafft Stimmungen, die intensiv und abstoßend zugleich sind und generiert eine eigenständige Welt, die auf den Betrachter sowohl vertraut als auch beklemmend wirkt. Auf diese Weise gibt Malick seinem Film eine zusätzliche Reflexionsebene; und genau deswegen geht „Der schmale Grat“ auch weiter als viele Kriegsfilme davor. Nicht das was gezeigt und erzählt wird ist wichtig, sondern die Atmosphäre, die dadurch entsteht. Kurzum: Was durch diesen Film vermittelt wird, ist niemals fass-, wohl aber fühlbar…

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The Thin Red Line (USA / 1998)

R: Malick / K: Toll / D: Malick (nach James Jones)

10
Feb
11

Film___Buch

Film-Literatur: Ein weites Feld – von lediglich an der Oberfläche kratzenden Bilderbüchern bis hin zu bleilastigen, von Subtexten zu Metaebenen changierenden Theoriebibeln, findet sich so ziemlich alles in den Bücherregalen der Filmliebhaber. Leider steht gerade bei den anspruchsvollen filmtheoretisch-wissenschaftlichen Betrachtungen oft nicht mehr das Medium Film im Mittelpunkt, sondern eher der jeweilige Ansatz des einzelnen Autors. Das Ergebnis: Frustration wegen der schwer deut- und lesbaren Interpretationsversuche und die stetige Entfernung vom Wesentlichen, dem Film.

Deshalb seien an dieser Stelle ein paar uneingeschränkte Film-Literatur-Empfehlungen genannt, die relativ leicht zugänglich sind und dabei dennoch ungemein aufschlussreich und spannend bleiben. Filmbücher von Autoren, die mit spürbarer Leidenschaft, ihrer Liebe zum Medium Film Ausdruck verleihen und auf faszinierende Weise Wissen und Emotionen vermitteln.

 

„Yo – Ich selbst“ (1984) – Sergej M. Eisenstein

Eisenteins Memoiren, bestehend aus von ihm selbst zusammengestellten, über die Jahrzehnte angehäuften Gedanken, Arbeitsthesen, Skizzen und Entwürfen. Manche Texte wirken unfertig, andere hingegen weisen eine unglaubliche Perfektion auf. Man meint die Arbeitsprozesse und Denkstrukturen des Universalgenies überblicken zu können. Trotz des  fragmentarischen Aufbaus ungemein spannend und stringent.

 

 

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„Film als subversive Kunst: Kino wider die Tabus – von Eisenstein bis Kubrick“ (Film as  Subsersive Art / 1974) – Amos Vogel

Ein Sammelsurium an interessanten, provozierenden, experimentellen Filmen aus allen Teilen der Welt. Zwar schreibt Vogel zu den einzelnen Filmen oft nicht mehr als eine kurze, aus dem Gedächtnis zitierte Inhaltsangabe, die meist nicht sonderlich präzise und manchmal faktisch einfach falsch ist. Doch gibt das Buch dennoch einen exzellenten Überblick über die Experimental- und Kunstfilmszene von den Anfängen des Kinos bis in die 1970er Jahre. Aufgrund der hohen Dichte der besprochenen Filme auch als Nachschlagewerk zu verwenden.

 

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„Film als Kunst“ (1932) – Rudolf Arnheim

Was ist Film? Was zeichnet ihn aus? Was grenzt ihn von anderen Kunstformen ab? Was macht ihn einzigartig? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Arnheim in „Film als Kunst“. Sein feuilletonistischer Stil, besticht durch Pointiertheit und stark subjektive Färbung. Zwar sind einige Ansichten heutzutage kaum noch haltbar – auch distanzierte sich Arnheim selbst von einigen Thesen; doch macht gerade dies, die Magie dieses kompromisslosen Pamphlets aus.

 

 

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„Film verstehen“ (How to read a film / 1977) – James Monaco

Körnung des Filmmaterials, Physiognomie der Wahrnehmung, Mise en Scène und Malteserkreuz… In diesem Buch werden Details zum Thema Film erklärt. In verschiedenen Kapiteln gibt Monaco einen umfassenden Überblick über Filmtechnik, -sprache, -geschichte, -theorie usf. Sowohl für Film-Laien als auch für Experten absolut lesenswert und als eine Art ständiges Nachschlagewerk jederzeit zu empfehlen.

 

 

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„Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ (Le Cinéma selon Hitchcock / 1966) – François Truffaut

In einem lange vorbereiteten Interview steht Alfred Hitchcock, seinem Bewunderer Truffaut Rede und Antwort. Häufig merkt man Truffaut seinen Respekt vor Hitchcock förmlich an; an anderen Stellen des Buches wirkt das Interview eher wie ein Gespräch zweier Filmenthusiasten auf Augenhöhe. Definitiv eine sehr schöne Übersicht über Hitchcocks Werk, wenn auch nicht immer sonderlich tiefgreifend. Dafür jedoch unglaublich interessant und absolut lesenswert. Ein Klassiker.

 

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„Mein letzter Seufzer“ (Mon dernier soupier / 1982) – Luis Buñuel

„Man besteht aus seinen Irrtümern und Zweifeln wie aus seinen Gewißheiten“. Ein Satz der sich als Leitmotiv durch die Autobiographie Buñuels zieht. Dieses Buch ist weniger durch filmtheoretische/filmographische Ansätze interessant; sondern beeindruckt eher durch die reflektierende Leichtigkeit eines Mannes, der die Film- und Kunstwelt jahrzehntelang aufgemischt hat. Ein augenzwinkernder Abgesang…

 

 

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„Groucho und ich“ (Groucho and me / 1959) – Groucho Marx

Eine intelligente und sprachlich wie immer extrem pointierte Auseinandersetzung mit dem, was Groucho sein Leben nennt. Stets humorvoll, meistens überraschend, oft melancholisch und immer lesenswert.

 

 

 

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„François Truffaut – Briefe 1945-1984“ (François Truffaut – Correspondance / 1988) – François Truffaut

Das Leben und das Werk Truffauts von einer ganz persönlichen Seite… Hier findet sich der gesamte Briefverkehr seines Lebens, zusammengefasst in einem Buch. Ideen, Besprechungen, Filmrezensionen, Notizen, Liebesangelegenheiten… Stets behände ausformuliert und interessant geschrieben. Der Leser gewinnt Einblicke in das Werk eines Filmenthusiasten; aus einer sehr privaten Perspektive.

 

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„Von Caligari zu Hitler: Eine psychologische Studie des deutschen Films“ (From Caligari to Hitler / 1947) – Siegfried Kracauer

Siegfried Kracauers Versuch einer soziologischen Studie, die den Weg in den Nationalsozialismus auf die deutsche Filmproduktion zwischen 1918 und 1933 zurückführt… Die wissenschaftlich und historisch gesehen kaum haltbare These durchzieht das gesamte Buch und wirkt dennoch auf erschreckende Weise überzeugend. Vor allem auf filmhistorischer Ebene beeindruckt Kracauers Buch und erweist sich, aufgrund der ungeheuren Zahl an detailliert besprochenen (heutzutage teilweise unbekannten, weil verschollenen) Filmen, als wahre Fundgrube.

 

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„Pioniere des Films“ (The parade’s gone by / 1997) – Kevin Brownlow

Kevin Brownlow interviewte in den 60er Jahren Regisseure und Filmschaffende, die Hollywood in den 10er und 20er Jahren zu dem machten was es heute ist. Ein ungemein liebevoll gestaltetes Werk mit jeder Menge Anekdotischem, von einstigen Stars – die heutzutage kaum noch bekannt sind. „The parades gone by“ blickt auf sentimentale und ausführliche Weise zurück und  beleuchtet wie kein anderes Buch die Produktionsverhältnisse der Stummfilmzeit…

01
Feb
11

Ray Harryhausen – Obsessionen

Er zerstörte Washington, halb San Francisco, Coney Island und große Teile Roms: Ray Harryhausen Trickspezialist und Stop-Motion Legende. Er entwarf Lösungen für vorher undenkbare Aktionen und schuf Kreaturen die phantasievoll, grauenhaft und liebenswert zugleich waren. Seine Techniken und Effekte beeinflussten ganze Generationen von Filmemachern. So bezeichnen unter anderem Peter Jackson, Steven Spielberg, George Lucas, James Cameron und Tim Burton seine Filme als große Inspirationsquelle. Harryhausen gilt als Urvater einer ganzen Reihe von Filmen und Genres. Unbestritten: Ohne ihn sähen die Filmwelten heutzutage anders aus.

Harryhausens Karriere begann mit kurzen Experimentalfilmsequenzen, die er in der Garage seiner Eltern inszenierte. Während des zweiten Weltkriegs diente er in der US-Army und erstellte auch dort in seiner Freizeit kurze Schulungsfilme für das Militär, die in ihrer Einfachheit heute recht naiv wirken, aber schon Harryhausens unbändigen Enthusiasmus für seine Kunstform offenbarten. Nach dem Krieg beschäftigte er sich mit kurzen Kindergeschichten und Märchen. Bis ihm die erste Arbeit an einem Langfilm angeboten wurde: „Das Grauen aus der Tiefe“ – ein Film in dem ein gigantischer Oktopus eine nicht unwesentliche Rolle spielt…

Es dürfte bekannt sein, dass ein Stop-Motion Künstler seine Figuren für eine Filmsekunde genau 24 Mal bewegen muss, um ein wahrheitsgetreues Ergebnis zu erhalten. Doch auf sonderbare Weise wirkt die Illusion, aufgrund des Bewegungsunschärfe-Effekts, nie wirklich flüssig. Denn in gefilmten Bewegungen realer Personen liegen immer Unschärfen, die das menschliche Auge als realistisch wahrnimmt; und genau diese Unschärfen lassen sich im Einzelbild-Verfahren nicht nachbilden. Darin liegt das Paradox der aufwändigen Stop-Motion-Technik: Durch extreme Perfektion (24 scharfe, perfekt ausgeleuchtete Bilder pro Filmsekunde) entsteht stets ein unvollkommenes Ergebnis, das letztlich nur durch die Fantasie des Zuschauers Glaubwürdigkeit gewinnt. Anders ausgedrückt: Nur wenn der Zuschauer wirklich an die Illusion glauben will, ist die Illusion auch perfekt. Ein Pakt zwischen Filmemacher und Publikum entsteht; die Belohnung: einzigartige Sequenzen voller Charme, Charakter und Seele…

„Die Bestie aus dem Weltraum“, „Sindbads siebte Reise“, „Die drei Welten des Gulliver“, der wundervolle „Jason und die Argonauten“, „Eine Millionen Jahre vor unserer Zeit“… alles Filme, für die Harryhausen Monster, Kreaturen und Spezialeffekte gestaltete, die diese Filme letztlich bis zum heutigen Tag so liebens- und sehenswert machen. Dass es sich bei diesen Filmen zu großen Teilen um mit geringem Budget produzierte B-Movies handelt, die hauptsächlich unterhalten und beeindrucken wollen, ist für die Qualität der tricktechnischen Aufnahmen eher zweitrangig. Denn gerade darin lag die große Stärke Harryhausens – mit wenigen Mitteln viel zu erreichen. Und so wirken seine monströsen Knet-Geschöpfe oftmals glaubwürdiger, als die unbeholfenen Darsteller aus Fleisch und Blut…

Oft hat man sogar Mitleid mit den Kolossen, die niemals von sich aus böse waren, sondern eher unverstanden in eine Welt geworfen wurden, die ihnen feindlich entgegentrat. Teilweise gab Harryhausen seinen Geschöpfen geradezu menschliche Züge. Er beseelte sie förmlich, indem er eben nicht nur Körper, sondern auch Gefühle animierte…

Sicherlich ist Harryhausen vor allen Dingen Handwerker und erst an zweiter Stelle Künstler. Für ihn ist die Technik das Entscheidende; sein selbst entwickeltes „Dynamation“-Verfahren war diesbezüglich bahnbrechend; ein Zusammenspiel aus echtem Hintergrund, Split-Screen, Rückprojektionen, Dekor, Schauspielern und Doppelbelichtung. Auf diese Weise gelangen Harryhausen Effekte, die vor ihm schwer vorstellbar und nach ihm kaum nachstellbar waren…

Was übrig bleibt, ist ein in der Geschichte des Films einzigartiges Oeuvre. Ein extrem visuelles, oftmals surreales und definitiv fantasievolles Werk, das in Naivität, Unschuld und Perfektion an die Arbeiten Georges Méliès‘ anzuknüpfen scheint und die Grenzen des filmisch Vorstellbaren partiell erweiterte.

Und so führt Ray Harryhausen das Medium Film letztlich an seine Wurzeln zurück. Ein Stück weit Jahrmarktsattraktion, verbunden mit Zauberei, Illusion und Täuschung. Durch seine fantasiereichen Manipulationen, ermöglicht er dem Zuschauer die Flucht in eine imaginierte Welt träumerisch-sentimentaler Luftschlösser. Und dies scheint schließlich auch der Schlüssel zu Harryhausens Werk zu sein. Für ihn bedeutet Kino: Einfach niemals erwachsen werden…




Unter den Blinden…

Kein Anspruch auf Vollständigkeit. Kein Anspruch auf Richtigkeit. Pure Subjektivität eines Einäugigen...

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