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Ray Harryhausen – Obsessionen

Er zerstörte Washington, halb San Francisco, Coney Island und große Teile Roms: Ray Harryhausen Trickspezialist und Stop-Motion Legende. Er entwarf Lösungen für vorher undenkbare Aktionen und schuf Kreaturen die phantasievoll, grauenhaft und liebenswert zugleich waren. Seine Techniken und Effekte beeinflussten ganze Generationen von Filmemachern. So bezeichnen unter anderem Peter Jackson, Steven Spielberg, George Lucas, James Cameron und Tim Burton seine Filme als große Inspirationsquelle. Harryhausen gilt als Urvater einer ganzen Reihe von Filmen und Genres. Unbestritten: Ohne ihn sähen die Filmwelten heutzutage anders aus.

Harryhausens Karriere begann mit kurzen Experimentalfilmsequenzen, die er in der Garage seiner Eltern inszenierte. Während des zweiten Weltkriegs diente er in der US-Army und erstellte auch dort in seiner Freizeit kurze Schulungsfilme für das Militär, die in ihrer Einfachheit heute recht naiv wirken, aber schon Harryhausens unbändigen Enthusiasmus für seine Kunstform offenbarten. Nach dem Krieg beschäftigte er sich mit kurzen Kindergeschichten und Märchen. Bis ihm die erste Arbeit an einem Langfilm angeboten wurde: „Das Grauen aus der Tiefe“ – ein Film in dem ein gigantischer Oktopus eine nicht unwesentliche Rolle spielt…

Es dürfte bekannt sein, dass ein Stop-Motion Künstler seine Figuren für eine Filmsekunde genau 24 Mal bewegen muss, um ein wahrheitsgetreues Ergebnis zu erhalten. Doch auf sonderbare Weise wirkt die Illusion, aufgrund des Bewegungsunschärfe-Effekts, nie wirklich flüssig. Denn in gefilmten Bewegungen realer Personen liegen immer Unschärfen, die das menschliche Auge als realistisch wahrnimmt; und genau diese Unschärfen lassen sich im Einzelbild-Verfahren nicht nachbilden. Darin liegt das Paradox der aufwändigen Stop-Motion-Technik: Durch extreme Perfektion (24 scharfe, perfekt ausgeleuchtete Bilder pro Filmsekunde) entsteht stets ein unvollkommenes Ergebnis, das letztlich nur durch die Fantasie des Zuschauers Glaubwürdigkeit gewinnt. Anders ausgedrückt: Nur wenn der Zuschauer wirklich an die Illusion glauben will, ist die Illusion auch perfekt. Ein Pakt zwischen Filmemacher und Publikum entsteht; die Belohnung: einzigartige Sequenzen voller Charme, Charakter und Seele…

„Die Bestie aus dem Weltraum“, „Sindbads siebte Reise“, „Die drei Welten des Gulliver“, der wundervolle „Jason und die Argonauten“, „Eine Millionen Jahre vor unserer Zeit“… alles Filme, für die Harryhausen Monster, Kreaturen und Spezialeffekte gestaltete, die diese Filme letztlich bis zum heutigen Tag so liebens- und sehenswert machen. Dass es sich bei diesen Filmen zu großen Teilen um mit geringem Budget produzierte B-Movies handelt, die hauptsächlich unterhalten und beeindrucken wollen, ist für die Qualität der tricktechnischen Aufnahmen eher zweitrangig. Denn gerade darin lag die große Stärke Harryhausens – mit wenigen Mitteln viel zu erreichen. Und so wirken seine monströsen Knet-Geschöpfe oftmals glaubwürdiger, als die unbeholfenen Darsteller aus Fleisch und Blut…

Oft hat man sogar Mitleid mit den Kolossen, die niemals von sich aus böse waren, sondern eher unverstanden in eine Welt geworfen wurden, die ihnen feindlich entgegentrat. Teilweise gab Harryhausen seinen Geschöpfen geradezu menschliche Züge. Er beseelte sie förmlich, indem er eben nicht nur Körper, sondern auch Gefühle animierte…

Sicherlich ist Harryhausen vor allen Dingen Handwerker und erst an zweiter Stelle Künstler. Für ihn ist die Technik das Entscheidende; sein selbst entwickeltes „Dynamation“-Verfahren war diesbezüglich bahnbrechend; ein Zusammenspiel aus echtem Hintergrund, Split-Screen, Rückprojektionen, Dekor, Schauspielern und Doppelbelichtung. Auf diese Weise gelangen Harryhausen Effekte, die vor ihm schwer vorstellbar und nach ihm kaum nachstellbar waren…

Was übrig bleibt, ist ein in der Geschichte des Films einzigartiges Oeuvre. Ein extrem visuelles, oftmals surreales und definitiv fantasievolles Werk, das in Naivität, Unschuld und Perfektion an die Arbeiten Georges Méliès‘ anzuknüpfen scheint und die Grenzen des filmisch Vorstellbaren partiell erweiterte.

Und so führt Ray Harryhausen das Medium Film letztlich an seine Wurzeln zurück. Ein Stück weit Jahrmarktsattraktion, verbunden mit Zauberei, Illusion und Täuschung. Durch seine fantasiereichen Manipulationen, ermöglicht er dem Zuschauer die Flucht in eine imaginierte Welt träumerisch-sentimentaler Luftschlösser. Und dies scheint schließlich auch der Schlüssel zu Harryhausens Werk zu sein. Für ihn bedeutet Kino: Einfach niemals erwachsen werden…

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3 Responses to “Ray Harryhausen – Obsessionen”


  1. 29. März 2011 um 19:44

    „Ein Pakt zwischen Filmemacher und Publikum entsteht; die Belohnung: einzigartige Sequenzen voller Charme, Charakter und Seele…“

    Das ist sehr schön gesagt. Ich liebe Stop-Motion und ich finde alte Trickkünste immer noch viel realistischer im Film als alle Versuche, echt zu wirken. Das hat leider z.B. George Lucas nicht verstanden.


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