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Kinder des Olymp – Sehnsucht nach der Sehnsucht

Vorneweg: Die Handlung von Marcel Carnés „Kinder des Olymp“ hinterlässt – gelinde formuliert – einen recht blumigen Eindruck. In einer Vielzahl von Handlungssträngen, beschäftigt sich der in zwei Epochen unterteilte Film mit dem Leben auf dem Boulevard du crime im Paris des 19. Jahrhunderts. Mit von der Partie sind, um nur die Hauptfiguren zu nennen: ein reicher Graf, ein durchtriebener Dieb, ein sensibel-sentimentaler Pantomime, ein bitterer Vagabund, ein hochmütiger Schauspieler, eine liebevolle Ehefrau und zu guter Letzt eine femme fatale in Reinform, die im Verlauf des Films von vier Männern begehrt wird. Kurzum: alle erdenklichen Stereotype geraten in einen Strudel aus Liebe, Sehnsucht und Intrigen. Soweit so gut…

Erstaunlicherweise wirkt der Film dabei trotz der vielen Banalitäten und des Kitschs nie wie eine aufgeblasene Seifenoper. Vielleicht gerade weil sowohl Aufbau, als auch Struktur der Handlung an die Tradition des französischen historischen Romans des 19. Jahrhunderts (Dumas, Hugo usf.) anknüpfen bzw. diese nachahmen. So entsteht letztendlich ein zwar überladenes, aber stets exaktes und eloquentes Bild einer Gesellschaft.

Dabei versucht „Kinder des Olymp“ in keiner Weise Realismus vorzugaukeln. Schon die erste Einstellung des Films – ein Theatervorhang wird gehoben, um den Blick auf die Handlung freizugeben – weist explizit darauf hin, dass man als Zuschauer einem Schauspiel, einer fiktiven Handlung beiwohnt. Und dies ist nur der Auftakt zu einer sich durch den gesamten Film ziehenden Reflexion über Kino, Traum und Illusion. Schon das Setting auf dem Boulevard du crime, einer Pariser Vergnügungsmeile spielt auf diese Thematik an. Jahrmarktsbuden, Illusionisten und Schausteller verführen Vergnügungswillige, auf der Suche nach Ablenkung und schneller Unterhaltung. Der Versuch einer Flucht…

Eben dieser Eskapismus wird im Verlauf des Films auf verschiedenen Ebenen weiter thematisiert. Denn genauso wie die mittellosen Theaterzuschauer auf dem Olymp – den billigen, obenliegenden Plätzen des Zuschauerraums – flüchten auch die Protagonisten des Films in eine Scheinwelt. In die Welt des Theaters (wie Frederick), in unzählige Liebesabenteuer (wie Garence) oder in das Reich der Imagination und des Traums (wie Baptiste).

Beständig spielt der Film mit diesen verschiedenen Realitäten. Hinzu kommen noch die vielen im Verlauf des Films vorgeführten Bühnenstücke, die die Handlung nochmals rekapitulieren, oder teilweise sogar weiterführen. Es entsteht ein subtiler stilistischer Bruch, der jedoch niemals wie eine Zäsur wirkt; sondern eher wie die Fortführung der Filmhandlung mit anderen Mitteln. Dieses ständige ver- und entknüpfen der verschiedenen Ebenen macht den Reiz des Films aus und erschließt gleichzeitig vielfältige Interpretationsmöglichkeiten.

Zudem spielt „Kinder des Olymp“ auch kontinuierlich auf die extreme Durchdringung von Kunst und Realität an; und stellt dabei zugleich die Unvereinbarkeit dieser beiden Pole heraus. So kann bspw. nie eine der vielen Bühnensequenzen ohne die privaten Probleme der Protagonisten aufgeführt werden; stets scheinen berufliche Unzulänglichkeiten auch auf den Alltag der Agierenden auszustrahlen. Oft werden dabei Bühnenillusionen bewusst durch die Akteure zerstört. In diesem Bruch der Illusion erste Anklänge an die Nouvelle Vague zu deuten, ist sicherlich gewagt, doch nicht unbedingt unbegründet.

In jedem Fall stellt „Kinder des Olymp“ stets auch eine intelligente Reflexion über die Kunst und das Schauspiel an sich dar. Von Schaustellern, Aktionskünstlern und Marktschreiern, über Commedia dell’arte, Pantomime und Operette, bis hin zu Freakshows, Varieté und Burlesque reicht die Spannweite der im Film gezeigten theatralischen Elemente. Ein Sammelsurium der Schaulust…

An dieser Stelle seien die schwierigen Produktionsbedingungen des Films erwähnt. Noch während des zweiten Weltkriegs und teilweise unter Nationalsozialistischer Besatzung produziert, stellt der Film ein beredtes Denkmal der künstlerischen Überlebensfähigkeit dar. Durch kompromisslosen Aufwand und diszipliniertes Durchsetzungsvermögen entstand ein zeitloses Meisterwerk, das nur durch die Kollektivanstrengung einer „Equipe“ (wie Truffaut die Filmschaffenden von „Kinder des Olymp“ bezeichnete) realisiert werden konnte. Das Ergebnis: ein starkes und poetisches Gesamtkunstwerk, das in den Jahren großer Entbehrung, wie ein Relikt aus alten Zeiten und gleichsam wie ein Aufbruchssignal gewirkt haben muss.

Handwerklich ist „Kinder des Olymp“ definitiv ein ausgereifter und erhabener Film voll Überschwang und Liebe zum Detail. Durch die poetischen Dialoge und Stimmungsbilder, die durch den unaufdringlichen Ansatz der Kamera noch mehr gewinnen, entspinnt sich ein subtiles Spiel der Bedeutungen. Gleichzeitig zeichnet der Film durch die extrem heterogene Handlung, mit einer schlafwandlerischen Leichtigkeit, nacheinander ganz unterschiedliche Gemütslagen; die sich niemals gegenseitig unterhöhlen, sondern stets ein zusammenhängendes und reifes Werk bilden. Auf diese Weise wird „Kinder des Olymp“ zu einem mit Massenszenen gespickten, epischen Kammerspiel, das gleichzeitig Melodrama, Komödie, Burlesque und Tragödie ist.

Dabei bleibt „Kinder des Olymp“ jederzeit eine sensible Betrachtung der latenten Wechselwirkung zwischen Realität, Traum, Sehnsucht und Eskapismus. Bezeichnend dafür ist die großartige Schlusssequenz: Während des Karnevals folgt Baptiste seiner großen Liebe Garence durch eine irrwitzige Ansammlung von verkleideten, feierwütigen Menschen. Durch die unzähligen Masken und Kostüme verwandelt sich jeder Akteur des Films, sichtbar in einen Schauspieler; der wiederum in eine bestimmte Rolle verfällt. Endlich scheinen Realität und Illusion, Traum und Bühne eins geworden zu sein. Und genau in diesem Augenblick senkt sich dann der Vorhang. Der Film ist aus und wir, die Kinder des Olymp, begeben uns auf die erneute Suche nach weiteren Illusionen…

_____________

Les enfants du paradis (F / 1945)

R: Carné / K: Hubert / D: Prévert

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3 Responses to “Kinder des Olymp – Sehnsucht nach der Sehnsucht”


  1. 2. März 2011 um 01:37

    Ich finde es wirklich etwas gewagt, in KINDER DES OLYMP einen Film des Aufbruchs oder gar eine Vorausahnung der Nouvelle Vague zu sehen. Carnés nächste Filme geben diese Deutung jedenfalls nicht her. Sein erster Nachkriegsfilm PFORTEN DER NACHT ist ein düsteres und schicksalsschwangeres Drama, in dem der Tod persönlich auftritt. THÉRÈSE RAQUIN von 1953 hat eine ähnliche Stimmung. Von Aufbruch ist da nicht viel zu sehen. Eher Fatalismus, wie in seinen Filmen von 1938/39, aber ohne die Leichtigkeit, die diese Filme auch hatten. Die beiden Filme, die er zwischen PFORTEN DER NACHT und THÉRÈSE RAQUIN gemacht hat, kenne ich nicht, aber DIE MARIE VOM HAFEN scheint in dieselbe Richtung zu gehen.

    Für mich ist KINDER DES OLYMP der Höhepunkt und der Abgesang des Poetischen Realismus. Ein Film, der zur Zeit seiner Entstehung eigentlich schon anachronistisch war, und der vielleicht gerade deshalb in jeder Beziehung aus dem Vollen schöpfte. Die Vertreter der Nouvelle Vague sahen in Carné auch nicht einen ihrer Vorläufer, und sie mochten ihn nichtmal besonders, im Gegensatz etwa zu Renoir oder Jean Vigo.

    • 2. März 2011 um 12:55

      Sicherlich ist „Kinder des Olymp“ ein opulenter Anachronismus… sozusagen die Definition eines filmischen Anachronismus – wie ich bereits anzudeuten versuchte (Roman des 19. Jh; Zeit der Filmhandlung; Setting). Und du hast natürlich weiterhin recht mit der Aussage, dass der Film auch in stilistischer Hinsicht eher rückwärtsgewandt ist.

      Dennoch bleibt „Kinder des Olymp“ für mich auch ein Zeichen des Aufbruchs; und zwar bezüglich der Wirkung auf das zeitgenössische Publikum, das durch die Kriegsjahre geprägte, thematisch eindimensionale und stilistisch magere französische Filme gewohnt war (wohlgemerkt: ich meine während des Kriegs in Frankreich produzierte Filme). Durch „Kinder des Olymp“ ist die französische Filmkunst nach dem Krieg sozusagen mit einem Paukenschlag wieder auferstanden – um es pathetisch zu formulieren (und ich formuliere gern pathetisch ;-))

      Zur Nouvelle Vague: Sicherlich ist Carnés Art zu filmen meilenweit entfernt von den stilistischen und erzählerischen Mitteln der Nouvelle Vague. Dennoch kann man, denke ich, gerade in den beabsichtigten, stilistischen Brüchen der Bühnenaufführungen durchaus Godard‘sche Taktiken erkennen; eben das Fiktionale und die Künstlichkeit des Mediums herauszustellen, um einen bewussten Illusionsbruch zu schaffen. Ganz klar: Carné ist dabei niemals so radikal und kompromisslos im Spiel mit den Konventionen, dennoch ist ein gewisser Bruch durchaus erkennbar.

      Und abschließend muss definitiv erwähnt werden, dass „Kinder des Olymp“ auf alles was danach in Frankreich (vielleicht sogar in Europa) produziert wurde ausstrahlte und somit die Nachkriegsproduktion wie kaum ein anderer Film prägte. Egal ob die Filmemacher nun nachahmten oder sich distanzierten. Der zugegebenermaßen konservative Nouvelle Vague-Vertreter Truffaut bewunderte den Film jedenfalls, und ließ sich definitiv von diesem opulenten Anachronismus inspirieren.

      • 3. März 2011 um 02:31

        Ich kann deine Argumentation im Großen und Ganzen nachvollziehen, aber ich glaube, dass Du in Bezug auf den französischen Film während der Besatzung (1940-44) etwas übertreibst. Nicht sehr, aber etwas. Neben dem vielen Schrott, der damals entstand, wurden auch einige ernstzunehmende Filme gedreht, und einige der Regisseure, die den französischen Nachkriegsfilm prägten, machten gerade in dieser Zeit ihre ersten Schritte und nutzten die Freiräume, die sich durch die Abwesenheit der Großmeister Renoir, Carné oder Duvivier ergaben, um auf sich aufmerksam zu machen. Ein paar Beispiele:

        Robert Bresson drehte 1943 DAS HOHELIED DER LIEBE (man sollte sich durch den blöden dt. Titel nicht irritieren lassen) und legte dann eine Serie höchst eigenständiger Filme hin. René Clément hat zwar während der Besatzung (und schon davor) nur Kurzfilme gedreht, aber sein SCHIENENSCHLACHT (1946) war einer der wichtigsten Filme der direkten Nachkriegszeit, und nebenbei war er im selben Jahr auch Co-Regisseur bei LA BELLE ET LA BÊTE (was gern vergessen wird). Jean Delannoy war einer der produktivsten franz. Nachkriegsregisseure. Er hat zwar viel Mittelmaß produziert, aber beispielsweise 1943 den sehr ordentlichen DER EWIGE BANN, und aus der ersten Nachkriegszeit ragt seine Sartre-Verfilmung DAS SPIEL IST AUS (1947) hervor. Und schließlich Henri-Georges Clouzot, der mit DER RABE 1943 einen sehr interessanten und kontroversen Film ablieferte, der fast seine Karriere ruiniert hätte (ich habe die Vorgänge um diesen Film in diesem etwas länglichen Artikel beschrieben). Bei keinem dieser Regisseure bzw. Filme sehe ich eine größere Beeinflussung durch KINDER DES OLYMP. Die Argumentationslinie, der Film habe auch dadurch ausgestrahlt, dass sich Regisseure davon distanzierten, finde ich etwas dünn.

        Aber damit kein falscher Eindruck entsteht: KINDER DES OLYMP war einflussreich, nur vielleicht nicht so extrem, wie Du es darstellst, und grandios ist er sowieso.


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