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Mrz
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Tatis Playtime – Gescheiterte Demokratisierung?

„Playtime“, der wohl wichtigste Film Tatis, kann als eine Art Kulminationspunkt in der Karriere des unkonventionellen Filmemachers gelten. Mit den Mitteln eines Blockbusters realisierte Tati einen avantgardistischen Experimentalfilm und brachte so seine unverfälschte Vision filmischer Ausdrucksweise auf die Leinwand.

Für „Playtime“ schuf Tati am südöstlichen Rand von Paris eine gigantische Filmstadt. Eine surreale Utopie der französischen Hauptstadt, mit einem Aufwand der ebenfalls surreal wirkt. Tativille wurde aus 50.000 Kubikmetern Beton, 4 Quadratkilometern Kunststoff und 1200 Quadratmetern Glas, auf einer Fläche von 15.000 Quadratmetern erschaffen und war eine kleine Stadt für sich. Es gab gepflasterte Straßen, funktionierende Ampelanlagen und unzählige Neonreklamen. Den Strom dafür produzierten zwei Elektrizitätswerke, die eine 15.000-Einwohner-Stadt hätten versorgen können… Durch Tativille wurde Filmarchitektur ans Limit geführt.

Im Kontrast zur überwältigenden Ausstattung, ist die Handlung von „Playtime“ – selbst für einen Tati-Film – sehr dünn. Im Grunde genommen lassen sich lediglich Bruchstücke einer Erzählung erkennen: der Film begleitet eine Gruppe amerikanischer Touristen, einen Tag lang durch Paris. Auch Monsieur Hulot ist in der Stadt; er muss einen Mann namens Giffard treffen – der Grund für dieses Treffen wird an keiner Stelle des Films erwähnt. Durch verschiedene Zwischen- und Zufälle finden beide jedoch nicht zusammen…

Die „Handlung“ des Films scheint nie auf ein Ziel hinauszulaufen, sondern wirkt eher wie die Aneinanderreihung verschiedener Episoden (Flughafen, Bürohaus, Industrieausstellung, Privatwohnung, ‚Drugstore’, Nachtclub, Kaufhaus und Rückreise zum Flughafen). Das ruhige Montagetempo des Films verstärkt diesen Eindruck noch. Tati nimmt sich Zeit und breitet die einzelnen Szenarien, ohne Rücksicht auf dramaturgische Gepflogenheiten, ganz behutsam aus.

Zudem sind die einzelnen Einstellungen in „Playtime“, wie in allen Filmen Tatis, relativ lang und meist aus weiter Entfernung aufgenommen (meist benutzt Tati die Totale), so dass der Zuschauer die Möglichkeit bekommt, seinen Blick schweifen zu lassen. Diese Methode wird noch durch das 70-mm–Format des Films unterstützt, wodurch eine enorme Raumtiefe entsteht.

Auf diese Weise laufen in vielen Einstellungen des Films Unmengen von kleinen Handlungen gleichzeitig ab. Dabei ist das Bild meist in Vorder-, Mittel-, und Hintergrund gestaffelt. Auf jeder Ebene geschehen unterschiedliche Dinge, so dass sich der Zuschauer stets aussuchen kann (und muss), welchem Teil des Bildes er seine Aufmerksamkeit schenkt. Der Betrachter hat somit die Möglichkeit, seinen ganz eigenen Film zu schauen. „Normalerweise lachen die Leute in einer Komödie zur gleichen Zeit über die gleichen Dinge. In ‘Playtime‘ dagegen lacht man zu verschiedenen Zeiten über die unterschiedlichsten Dinge“ (Maddock).

Tati untergräbt gängige Kinokonventionen, indem er den Blick des Zuschauers nicht durch Kameraeinstellungen, Schnitt und/oder Großaufnahmen „lenkt“. Er verwendet ein „demokratisches“ Prinzip, das jedem Zuschauer die Möglichkeit bietet, selbst zu entscheiden, welchen Handlungen im Bild er folgen möchte.

Eine weitere Maßnahme zur Demokratisierung des Komischen ist das inflationäre Auftauchen verschiedener Hulots in „Playtime“. Bevor der richtige Hulot im Film erscheint, spielt Tati mit den Erwartungen des Publikums: Er zeigt eine Figur, die wie Hulot aus „Mon oncle“ gekleidet ist. Eine Frau am Flughafen winkt ihm zu, doch als sie ihn anspricht, merkt sie, dass sie ihn (gewissermaßen wie der Zuschauer) verwechselt hat.

Indem er immer wieder „falsche“ Hulots auftauchen lässt, stellt Tati den Status des komischen Subjekts in Frage. Die Einzigartigkeit, die einen komischen Archetypus in der Filmgeschichte auszeichnete, wird somit negiert. Sorgt Hulot in „Les vacances de M. Hulot“ noch selbst für einen Großteil der Gags, so sind in „Playtime“ andere für die Komik verantwortlich. Tati zeigt, dass seine Welt auch ohne komisches Subjekt funktioniert und schon an sich komisch ist. Es entstehen Freiräume für die Imagination…

Kurzum: Weder Handlung, noch Filmbild oder Figuren bieten sich in „Playtime“ für eine Zentrierung an. Tati verzichtet also fast vollständig auf die gewohnten Mittel der Zuschauerführung und kommt somit der tatsächlichen Realität des Sehens sehr nah. Er transformiert den (vermeintlich) passiven Zuschauer zum aktiven Entdecker. Somit findet der Film also nicht unbedingt auf der Leinwand statt, sondern eher in den Köpfen der Zuschauer, die mit den einzelnen Eindrücken, die der Film vermittelt, spielen können… „Playtime“ eben.

 

Nachtrag:

„Playtime“ stellte ein kommerzielles Desaster dar und ruinierte Jacques Tati vollständig.

Der Film widersprach eindeutig dem Publikumsgeschmack; er war zu lang, schwierig und unzusammenhängend. Auch Leute, die ein weiteres Abenteuer von Monsieur Hulot sehen wollten, wurden enttäuscht, da die vermeintliche Hauptfigur oft in der Kulisse unterging. Der Film unterlief gängige Kinokonventionen und wirkte eher verstörend auf das zeitgenössische Publikum.

Die Tatsache, dass die wenigsten Kinos in Europa mit 70-mm-Vorführtechnik ausgestattet waren, mag ein weiterer Grund für den kommerziellen Misserfolg des Films gewesen sein. Hier setzt sich die Kompromisslosigkeit dieses Werks fort. Tati musste einfach wissen, dass der enorme finanzielle und technische Aufwand, verbunden mit der gängigen Vorführpraxis und dem vorherrschenden Publikumsgeschmack, einen Fehlschlag nach sich ziehen würde. Trotzdem lenkte er in keiner Weise ein und macht „Playtime“ dadurch zu einem künstlerischen Manifest, das in seiner radikalen Ausführung einmalig in der Geschichte des Films ist.

Tati verlor durch „Playtime“ sein Vermögen, sein Zuhause, seine Produktionsfirma, die Rechte an seinen Filmen und seine künstlerische Freiheit.

___________

Play Time (F / 1967)

R: Tati / K: Badal / D: Tati

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7 Responses to “Tatis Playtime – Gescheiterte Demokratisierung?”


  1. 7. März 2011 um 01:28

    Ich habe mir „Playtime“ erst vor ein paar Wochen wieder mal gegönnt und dachte in diesem Zusammenhang darüber nach, wie sehr dieses Meisterwerk doch seiner Zeit voraus war (was den bedauernswerten Misserfolg erklärt). Deine spannende Besprechung überzeugt mich in jeder Hinsicht – und da ich kein „Tati-Spezialist“ bin, erfuhr ich dank dir auch erstmals vom ungeheuren Aufwand für Tativille (muss ein Vermögen verschlungen haben).

  2. 7. März 2011 um 23:26

    Von den wenigen Filmen Tatis ist PLAYTIME derjenige, den ich noch nicht kenne, deshalb danke ich dir für die ausführliche Besprechung. Was Du über das „Demokratische“ an dem Film schreibst, erinnert mich etwas an Renoirs DIE SPIELREGEL. Da wird auch mit „deep focus“ gearbeitet, und Renoir füllt den verfügbaren Raum mit unterschiedlichen Handlungssträngen, so dass man den Film zwei- oder dreimal hintereinander ansehen kann und jedesmal etwas neues entdeckt.

    Ein bisschen kleinliche Kritik: Die Zahlen für Tativille können nicht alle stimmen, da haben sich ein paar unbefugte Nullen eingeschlichen. Eine Grundfläche von 15000 km², also ca. 120 km × 120 km? Und 1200 km² Glas, also über eine Milliarde m²? Dafür hätte man mindestens 100.000 solche Häuser gebraucht, wie sie in deinem ersten Screenshot zu sehen sind.

  3. 8. März 2011 um 00:06

    Ganz und gar NICHT kleinlich: du hast natürlich absolut recht und ich danke dir für die Richtigstellungen… Natürlich alles in Quadratmetern – nicht Quadratkilometer… ich Mathe-Ass 😉 Hab es bereits berichtigt.

    Und ja: Renoir und mit Abstrichen auch Welles können sicherlich als Pioniere zum Thema Schärfentiefe angesehen werden; doch geht Tati in „Playtime“ noch einen Schritt weiter und verzichtet teilweise völlig darauf eine bestimmte Bild- und Handlungsebene hervorzuheben, was bleibt ist Tableau…

    „Playtime“ ist wirklich erstaunlich… habe aber mit meiner Ausführung lediglich an der Oberfläche kratzen können. Es gibt so viele interessante Einzigartigkeiten in diesem Film, die bei mir aus Platzgründen einfach keine Erwähnung fanden. So z.B.: das verwendete (damals) hochmoderne Sechs-Kanal-Magnet-Tonsystem, die Architektur an sich und die Anspielungen auf Le Corbusiers „Charta von Athen“, die (bei Tati stets interessante) Geräuschwelt und das im Film gesprochene „Franglais“, die Kamera-Perspektiven und das Spiel mit der Sicht des Zuschauers, Tatis monochromer Farbeinsatz u.v.m.

    Also: ein wirklich intelligenter und ungemein ergiebiger Film, der zu Unrecht etwas in der Versenkung verschwunden ist.

    • 4 UPlate
      8. Mai 2011 um 17:19

      Hallo,

      das ist ja eine sehr interessante Seite. Ich bin auf Playtime aus Sicht der Denkmalpflege aufmerksam geworden. der Hinweis auf die „Charta von Athen“ ist ja schon gefallen. Ich möchte für Studenten die Zeit beschreiben, in der die Charta entstanden ist und finde dazu diesen Film sehr prägnant. Ich sehe ihn sehr zeit- und architekturkritisch, anonyme Häuser, weltweit sehen sie gleich aus (Werbeplakate). Der authentische Ort wird nur noch in der Spiegelung einer Glastür sichtbar (Eifelturm). Das Verwirrende der Großraumbüros, der unglaubliche Fortschrittsglaube (Warenhaus als Touristenziel) der entlarvende Blick in die Privatwohnungen. Es ist der Zeitpunkt, zu dem Kritik am bisherigen Fortschrittsglauben entsteht. Letztendlich ist es der Beginn der modernen Denkmalpflege. Besonders interessant ist natürlich, dass wir uns heute um den Erhalt der Bauten dieser zeit in gleicher Weise bemühen, wie um den Erhalt wichtiger Geschichtszeugnisse und beispielhafter architektonischer und künstlerischer Werke früherer Epochen.
      Danke für die Besprechung, die mir einen völlig anderen Blick auf diesen wirklich sehr interessanten und wichtigen Film eröffnet hat.

      UP

  4. 5 UPlate
    8. Mai 2011 um 17:21

    Ich meinte die Charta von Venedig, 1964.

    • 8. Mai 2011 um 21:09

      Ja, es ist wirklich erstaunlich unter welch unterschiedlichen Aspekten man sich mit diesem ergiebigen Film beschäftigen kann. Wirklich tolle Beobachtungen und eine noch tollere Idee, diesen Film als Anschauungsmaterial für eine Studentengruppe zu verwenden. Für jeden der „Playtime“ nicht kennt, kann es nur eine Bereicherung sein… und gerade die Diskussion über diesen Film stelle ich mir extrem spanend vor, denn jeder sieht schließlich seinen eigenen Film…

      Gerade auch mit Sicht auf Tatis Gesamtwerk ist deine Bemerkung zum Thema Fortschrittskritik sehr wichtig und richtig. Denn viele (Film-)Kritiker sahen in Tati einen Verfechter der „guten alten Zeit“, der sich militant gegen den Fortschritt streubt. Aber dem ist nicht so. Tati war eher ein Mahner; der nicht die Moderne per se kritisiert, sondern vielmehr die Menschen, die unter allen Umständen versuchen, sich der neuen Zeit anzupassen… Und genau dies lässt Tatis Filme vielleicht letztlich so zeitlos und bis zum heutigen Tage modern wirken…

      Achso: Es interessiert mich wirklich sehr, wie „Playtime“ von den Studierenden aufgenommen wird. Vielleicht kannst du bei Gelegenheit ein kurzes Résumé geben. Ich würde mich freuen…

  5. 7 Heinz-J. Schönhals
    28. Oktober 2015 um 19:52

    Tati’s „Playtime“, sehr aufwendig inszeniert, stellt eine beachtliche Regieleistung dar. Vor allem erstaunt, wie Regisseur Tati das Gewimmel der Menschen z.B. in dem neueröffneten Edelrestaurant, so agieren lässt, dass die Szenen dort natürlich und authentisch wirken. Der Film sollte unverkennbar komisch wirken. Hin und wieder blitzt auch der typische Tati-Humor auf, dennoch hat man den Eindruck, dass Tati’s Komik nicht richtig „zündet“, m.a.W. seine Komik hat Ladehemmung. Der Film wirkt deshalb über weite Strecke langweilig.


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