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Jagdszenen aus Niederbayern – Beängstigend heile Welt

„Gebt mir nicht die Schuld. Ich hab gemacht was ich konnte. Ich hab meinen Jungen geschlagen bis er grün und blau war, hab ihn stundenlag in den Schrank gesperrt, und trotzdem ist ein Perverser aus ihm geworden…“

Peter Fleischmanns auf dem gleichnamigen Bühnenstück basierender Film „Jagdszenen aus Niederbayern“ zeichnet das erschreckende Bild einer Dorfgemeinschaft, die durch engstirnige Borniertheit, jeglichen modernen gesellschaftlichen Entwicklungen resistent gegenüberzustehen scheint. Mit den Mitteln eines Heimatfilms entlarvt Fleischmann auf diese Weise schonungslos eine pervertierte Gesellschaft und prangert die opportunistisch-konformistischen Verhaltensweisen der „moralisch Untadeligen“ an. Ein schockierender Blick hinter die Fassade einer heilen Welt…

Zur Handlung: Nach längerem Aufenthalt in der Stadt kehrt der junge Mechaniker Abram in sein Heimatdorf zurück. Sofort versuchen die Dorfbewohner herauszufinden, was der junge Mann in der Stadt gemacht haben könnte. War er krank? Saß er im Gefängnis? Oder noch schlimmer: Ist er etwa homosexuell? Die Gerüchte sind jedenfalls Grund genug den jungen Mann zu meiden, ihn verbal und körperlich zu attackieren, seine Mutter in den Wahnsinn zu treiben und ihn schließlich bei der Polizei anzuzeigen. Von allen Seiten gehetzt und in die Ecke gedrängt, begeht Abram dann das Verbrechen, von dem die Dorfbewohner schon immer wussten, dass es geschehen wird… Zum Glück kehrt am Ende des Films auf dem Dorffest wieder die Idylle ein. Der Außenseiter ist inhaftiert, die schwelenden Konflikte bleiben ungelöst und: es gibt Freibier.

„Jagdszenen aus Niederbayern“ skizziert auf geschickte und unprätentiöse Weise die Entwicklung eines Rufmords: von den ersten Gerüchten, über sich verfestigende „Beweise“, bis hin zu blankem Hass und körperlicher Gewalt. Jederzeit ist dabei die brutale und aggressive Intoleranz der Dorfbewohner zu spüren, die in ihren moralischen Richtsprüchen deutlich unterscheiden. So wird großzügig über den durch Inzest geistig beeinträchtigten eigenen Nachwuchs und diverse fragwürdige „Liebes“-Beziehungen hinweggesehen. Das Dorf hält eben zusammen um sich gegen den Schmutz von außen zu schützen. Es wirkt als erschaffe sich die Gemeinschaft Feinde, um durch diese Abgrenzung den Zusammenhalt untereinander zu stärken und über eigene Verfehlungen hinwegzutäuschen. Abgrenzung als Garant der moralisch intakten Gemeinschaft…

Ähnlich wie später in Michael Hanekes großartigem Zeitbild „Das weiße Band“ ist jedoch hinter der Fassade wirklich jeder schuldig. Doch besitzen eben die Dorfbewohner die Möglichkeit individuelle Verantwortlichkeit durch den Verweis auf das Wohl der Gemeinschaft zu kaschieren. Kollektiver Rausch vernebelt kollektive Schuld…

Auf stilistischer Ebene fällt besonders der erbarmungslos dokumentarische Stil des Films auf. Mit vielen Laiendarstellern an Originalschauplätzen gedreht, zeigt die verstörend objektive Kamera die Dorfgemeinschaft aus irritierender Nähe. Dabei wirken die grotesk überzeichneten, ekel- und triebhaften Hauptfiguren oft ungemein abstoßend. Sie scheinen sich in ihrem eigenen Dreck eingerichtet zu haben und verbringen ihre Tage pöbelnd, saufend und lärmend. Ganz bewusst inszeniert Fleischmann seine Dorfbewohner als animalisches Rudel; und verleiht seinem Film dadurch die Atmosphäre einer derben Serengeti durch den gesellschaftlichen Konservativismus.

Dabei ist zu beachten, dass „Jagdszenen aus Niederbayern“ keine Kritik gegen ländlich geprägte Lebensweisen darstellt; sondern eher als die Beschreibung einer bis zur Abstraktion komprimierten Gesellschaftsstruktur zu verstehen ist; oder anders: als ein Spiegelbild der reaktionären, selbstgefälligen Lebensweise im Post-Wirtschafts-Wunderland. Dennoch wird nie wirklich klar, in welcher Epoche der Film angesiedelt ist – auch die zurückhaltend eingesetzten filmischen Mittel in Verbindung mit dem Schwarz-Weiß-Filmmaterial betonen diese erschreckende Zeitlosigkeit. Und so bleibt die leidenschaftliche Anklage gegen eine verkrustete Gesellschaftsstruktur bis zum heutigen Tage aktuell und lässt gleichzeitig Assoziationen zum Leben in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft zu. Ein lästiger, blutroter Faden wird erkennbar, der sich durch die gesamte deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts zieht.

Fleischmanns niederbayerisches Dorf jedenfalls wird bis in alle Zeiten, als eine sich selbst schützende und gleichzeitig von innen gärende Festung gegen Aufklärung und Moderne überdauern. Was in den Köpfen der moralisch pervertiert-aggressiven Bewohner vorgeht bleibt dabei stets unergründlich… aber wartet dämmernd auf den unvermeidlichen Ausbruch. Eine äußerst beunruhigende heile Welt.

___________

Jagdszenen aus Niederbayern (D / 1969)

R: Fleischmann / K: Derobe / D: Fleischmann (nach Martin Sperr)

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4 Responses to “Jagdszenen aus Niederbayern – Beängstigend heile Welt”


  1. 17. April 2011 um 16:03

    Hervorragende Besprechung eines „vergessenen“ Films (man vergisst solche Filme gern, damit die „Jagd“ – wer auch immer dieses Mal das Opfer sein mag – ungestört weitergehen kann). „Jagdszenen aus Niederbayern“ wühlte mich regelrecht auf, als ich ihn Ende der 70er Jahre zum ersten Mal sah. Trotzdem schienen wir es mit einer Zeit zu tun zu haben, die überwunden war. Fundamentalistische Freikirchen, die die Hetze auf „Andere“, nicht „Gottgefällige“ auf ihre Fahnen geschrieben haben, belehren uns spätestens seit den 80ern eines Besseren. Deshalb ist es wichtig, dass du an „Jagdszenen“, den auch ich verdrängte (sonst wäre er in meiner Liste zu finden) erinnerst. Vielen Dank!

  2. 17. April 2011 um 16:21

    Eigentlich hatte mich dieser Film nie wirklich gereizt, bis ich kürzlich Herbst der Gammler vom Fleischmann gesehen habe. Das digital erhältliche Programm habe ich nun vollzählig vorliegen, leider weist es ja noch klaffende Lücken auf. Ich werde wohl mit diesen Lücken in die Filmographie einsteigen müssen. :/

  3. 3 rogge
    8. August 2011 um 00:26

    Ohne ihn gesehen zu haben, würde ich sagen es gibt Parallelen zu Lars von Triers Dogville (wer sich da auf wen bezieht sollte wohl klar sein). Gegenstimmen?

    • 8. August 2011 um 22:40

      Hab ich noch garnicht drüber nachgegrübelt… aber du hast recht, sieht man mal von den krassen stilistischen Unterschieden ab – fast dokumentarische Herangehensweise vs. Ultra-abstrakter Ansatz – ergeben sich ganz offensichtliche Parallelen. Zumal ja „Jagdszenen aus Niederbayern“ auch auf einem Theaterstück basiert.

      Ob Von Trier die „Jagdszenen“ gesehen hat ist natürlich fraglich… da müßt ich ihn mal anrufen 😉


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