Archiv für Juli 2011

25
Jul
11

Heißer Sommer – Die gesungene Blinddarmentzündung

„Heißer Sommer“ – ein Film aus einer anderen Welt. Vergesst „Manos“ (USA / 1966), vergesst „Plan 9 from outer Space“ (USA / 1959), diese „West Side Story“ für Super-Arme schlägt sie alle. So spontan wie eine Volkszählung und so lustig wie eine Wurzelbehandlung, macht dieses erzwungen jugendliche DDR-Musical so ziemlich alles falsch, was falsch gemacht werden kann: flache Charaktere, mittelalterliche Geschlechterrollen und gestelzte Handlung inbegriffen…

À propos Handlung: Zehn Jungen und elf Mädchen – von der impertinenten Brillenschlange, über den moralisch integeren Sonnenschein, bis hin zum Dorfmoped wird selbstverständlich jedes Rollenklischee bedient – trampen von Leipzig an die Ostsee und erleben viele „spaßige“ Abenteuer. Natürlich gibt es im Verlauf der Geschichte unzählige Gelegenheiten sich singend und tanzend der Umwelt mitzuteilen, wobei die ungelenken Choreographien – allesamt auf dem Niveau einer Grundschultheateraufführung – nicht einmal mehr unfreiwillig komisch wirken… Kopfschüttelnd und mit offenem Mund denkt man sich als Zuschauer nur noch: „Das kann doch nicht euer ernst sein?!“.

Hinzu kommt, dass dieser unglaubliche Versuch einen hippen Jugendfilm zu schaffen, ungemein prüde daherkommt – es grenzt fast schon an sozialistischer Pubertätsverweigerung. An vielen Stellen wirkt es zudem als hätte Joachim Hasler, Regisseur des Films, die Darsteller – u.a. die anarchischen DDR-Schlager-Stars Chris Doerk und Frank Schöbel – mit vorgehaltener Waffe gezwungen glücklich zu sein. Und gerade dieser somnambule Frohsinn ist es, der die „East Side Story“ zu einem echten Psycho-Horror-Erlebnis macht – ein verstörend surreales Spaß-Diktat.

Kurzum: Ein Film wie ein Autounfall… und dennoch, oder gerade deswegen ist „Heißer Sommer“ eine uneingeschränkte Empfehlung. Man muss es einfach mit eigenen Augen gesehen haben – selten war bedingungsloser Dilettantismus unterhaltsamer…

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Heißer Sommer (DDR / 1968)

R: Hasler / K: Hasler / D: Hasler

19
Jul
11

Bewegliche Ziele

In seinem pessimistischen Debütfilm beschäftigt sich Peter Bogdanovich mit dem Leben zweier Männer, die genug von ihrem konsum- und profitorientierten Alltag haben und sich dabei auf ganz unterschiedliche Weise von ihrer Umwelt und ihren Mitmenschen abgrenzen. Der Eine, Byron Orlock, indem er die gesellschaftlichen Mechanismen hinterfragt und sich resignierend in den Zynismus flüchtet; der andere, Bobby Thompson, indem er sich einen Schokoriegel rein schiebt, das Ganze mit einer Flasche Cola runterspült und ein paar Menschen in den Kopf schießt…

Dabei könnte Bobby – das Zerrbild eines lindfarben gekleideten, allglatten All-American-Boy der 60er Jahre – eigentlich mit seinem Leben zufrieden sein. Er fährt ein schnelles Auto, hat eine hübsche Frau und lebt in einer gutbürgerlichen Wohngegend. Dennoch merkt man schnell, dass mit dem jungen Mann etwas nicht stimmt. Er wirkt auf irritierende Weise gelangweilt und scheint stets auf der verzweifelten Suche nach Veränderung zu sein. Die kläglichen Versuche mit seinen Mitmenschen über seine Probleme zu sprechen schlagen fehl; mal wird er ignoriert, mal scheint er unfähig sich zu öffnen. Schwer vorstellbar: der beruflich erfolgreiche, gesellschaftlich akzeptierte Jedermann ist sozial isoliert.

Ähnlich geht es auch dem alternden Horrorfilmdarsteller Byron Orlock – gespielt von Boris Karloff. Auch er hat genug von der immer gewalttätiger und fremder werdenden Welt. Das Paradoxe: Orlock-Karloff weiß, dass er Mitschuld trägt an der bedenklichen gesellschaftlichen Entwicklung. Denn als Ikone des Horrors hat er gewissermaßen dazu beigetragen eine Gesellschaft zu schaffen, die nur durch immer neue und aufregendere Thrills und Horrorvisionen aus der selbstgewählten Lethargie erweckt werden kann…

Durch die beiden locker verknüpften Handlungsstränge kommentiert Bogdanovich beängstigende amerikanische Lebenswelten, geprägt durch Kino, Konsum und Kaltem Krieg. Dabei wird die überzeugend vermittelte Großstadt-Peripherie-Ästhetik zur deprimierenden Anklage gegen eine stupide konsumierende, phlegmatische Gesellschaft. Ein diesbezüglich treffendes Bild ist die Sequenz im Autokino. Unzählige Autos verharren gefühls- und regungslos vor der riesigen Leinwand. Was zählt ist einzig der Konsum… was bleibt, der isolierte Mensch. Unbegrenzte Freiheit wird zur Farce; der amerikanische Traum ist zu einem Alptraum geworden.

So zeichnet Bogdanovich eine triste und apathische Welt, aus der es lohnt sich schnellstmöglich zu verabschieden. Erstaunlicherweise gelingt es ihm dadurch Bobbys Ausbruch verständlich zu machen. Nicht der Amokläufer wird angeklagt, sondern die Gesellschaft, die ihn zu dem gemacht hat. Auf diese Weise erscheinen die Taten des Amokschützen überraschend nachvollziehbar. Mehr noch: die unzähligen Opfer des Amoklaufs werden bei Bogdanovich sogar zu Schuldigen. Sie alle haben die süßlich-affektierte Welt in der sie leben widerstandslos akzeptiert…

Bogdanovichs sterile, gefühlsneutrale Inszenierung des Schreckens macht „Bewegliche Ziele“ zu einem verstörenden Film-Erlebnis. Die nahezu vollständige Entdramatisierung des Gezeigten und die unheimliche Stille, die viele Bilder beherrscht, lassen die präzis koordinierten Tötungs-Aktionen Bobbys dabei umso beängstigender erscheinen.

Der etwas umständlich in die Handlung integrierte Orlock-Plot erweitert die anklagende Gesellschaftskritik um einen bitteren Seitenhieb auf die unterhaltungs- und profitorientierte Medienindustrie und verweist somit auch auf mögliche Gründe für den Ausbruch Bobbys. Bezeichnend, dass der Amok-Schütze am Ende des Films den Leinwand-Orlock mit dem Realen verwechselt; die Grenzen sind durch ständige Medienpräsenz fließend und für Viele kaum noch zu unterscheiden. Durch den beängstigend unauffälligen Übergang vom Leinwand-Horror zum realen Schrecken beschreibt Bogdanovich in „Bewegliche Ziele“ ganz beiläufig eine soziale und mediale Zäsur: Die Ära der großen Leinwandmonster ist ein für allemal vorbei. Traurig aber wahr, für große Teile des Publikums wirken die anachronistischen Überbleibsel dieser Zeit nur noch befremdlich und bestenfalls belustigend.

Und so ist „Bewegliche Ziele“, nicht zuletzt durch die vielen Filmzitate, stets auch als liebevolle Hommage zu verstehen, in der Bogdanovich, als exzellenter Kenner der Filmgeschichte, sehnsuchtsvoll auf jene Zeit zurückblickt, in der Film noch Vision war – Visualisierung des Unfassbaren, Möglichmachung des Unmöglichen. Eine Zeit die definitiv vergangen ist, angesichts einer Realität die grausamer ist als es der Film je war…

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Targets (USA / 1968)

R: Bogdanovich / K: Kovács / D: Bogdanovich




Unter den Blinden…

Kein Anspruch auf Vollständigkeit. Kein Anspruch auf Richtigkeit. Pure Subjektivität eines Einäugigen...

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