Archive for the 'Eindrücke' Category

30
Mai
12

Melancholia – Die expressiven Titten der Kirsten Dunst

Kurz vorangestellt: Freunde und intensive Leser dieses Blogs werden wissen, dass ich Lars von Triers Art Filme zu machen nicht unbedingt mag…

JustineSuperzeitlupe, ein stürzendes Pferd, klassische Musik eines deutschen Komponisten – wer in diesem Moment an Tarkovsky denkt liegt natürlich richtig; doch gibt es auch einen aktuellen Regisseur, der sich dieser bildgewaltigen Ästhetik, oder besser ästhetisierten Bildgewalt, bedient, um sie zu einem perfekt inszenierten, aber seelen-, weil inhaltslosen Bildungsbürger-Musikvideo zu steigern; so dass die offensichtliche Reminiszenz an den Großmeister des metaphysischen Films letztlich zu bourgeoisen Kitsch verkommen muss. Bildete der Prolog von „Antichrist“ noch den dramaturgisch motivierten, furiosen Auftakt zu einem fulminanten Psychospiel, bleibt die „Melancholia“-Einführung nicht mehr als eine lautmalerische Hülse.

Abgesehen von diesem hochstilisierten Prolog, teilt sich von Triers „Melancholia“ deutlich in zwei Abschnitte. Im ersten Teil zerstört, die anfangs scheinbar glückliche Justine in einem subversiven Rausch ihre eigene Hochzeit und schließt auf diese Weise radikal mit ihrem bisherigen Leben ab. Im zweiten Teil zerstört der Planet „Melancholia“ (Zwinkerzwinker) die Erde; vorher jedoch wird Justine, mittlerweile ein psychisches und physisches Wrack, von ihrer Schwester Claire und ihrer Familie wieder aufgebaut, um am Ende des Films -während Welt und Gesellschaft zusammenbrechen- eine geradezu messianische Stärke zu erlangen.

Beide Teile des Films sind im Grunde genommen eigenständige Werke, die lediglich durch angelernte Erklärungsmuster und dem guten Willen des Zuschauers einen Zusammenhang erhalten. Sicher bildet der Weg Justines von unendlicher Freude über den radikalen Bruch mit ihrem bisherigen Leben; das Tal der Tränen bis hin zur „Wiedergeburt“, in gewisser Weise eine Einheit; dennoch bleibt von Triers Double-Feature erzählerisch bewusst inkohärent…

…und gleichzeitig stilistisch inkonsequent: In einem Multimillionen-Dollar-Film mit internationalem Staraufgebot, hanebüchenen Spezialeffekten und ausgeklügelten, ikonisch-apokalyptischen Bildphantasmagorien greift von Trier, über weite Teile des Films, auf die scheinbar improvisierte, verwackelte Dogma-Hand-Kameraführung zurück. Mit dieser Imitation dokumentarischer Kameraarbeit, machte es sich von Trier im Laufe seiner Karriere sehr einfach. Doch leider kippt das anfangs Erfrischende und Provozierende dieses Konzepts spätestens seit „Dancer in the Dark“ ins genaue Gegenteil… Nebenbei sollte sich dieses stilistische Mittel spätestens seit dem weltweiten Doku-Soap-Boom mehr als überlebt haben… vor allem im Kino!

Justines HochzeitApropos Dogma: Die Hochzeit, der erste Teil des Films, wirkt an manchen Stellen wie ein lauwarmer Aufguss von Vinterbergs „Das Fest“ und hat insofern wenig Überraschendes zu bieten. Der zweite, ungleich stärkere, Teil des Films hingegen nutzt die entstehende Intimität zwischen den beiden Frauen (handelt es sich wirklich um zwei Frauen?!) und den bevorstehenden Aufprall des Planeten um eine körperlich greifbare Spannung zu erzeugen. Dabei entsteht ein interessantes wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Schwestern, das von gegenseitiger Hilfebedürftigkeit bis hin zu sexueller Annäherung reicht. Man fühlt sich dabei stark an Bergmanns „Persona“ erinnert – ein weiteres Mal öffnet von Trier die Mottenkiste der ganz großen Meister… indem er große Filmkunst fürs große Publikum adaptiert/imitiert, kann er weiter in seiner hart erarbeiteten Arthouse-Nische verharren.

Dennoch: „Melancholia“ ist ein starker, hypnotischer, geradezu paralysierender Film. Der vor allem durch die überraschend starke Leistung Kirsten Dunsts fesselt – die auch die großartige Charlotte Gainsbourgh ohne Weiteres an die Wand spielt. UND: Einen schöneren Weltuntergang gab es seit Kubricks „Dr. Strangelove“ nicht zu sehen.

Achja: Nebenbei bemerkt lässt sich Justines Seelenzustand in „Melancholia“ auch problemlos durch ihre Titten erzählen. Auf Justines „glücklicher“ Hochzeit  weist ihr überbordendes, pralles Dekolleté auf blühendes Leben und Überdruss, im zweiten Teil, dem Tal der Tränen, bleibt davon nicht mehr übrig als schlaffes Gehänge. Erst beim Wiedererstarken wirken ihre expressiven Möpse wieder straff und verführerisch… Sicher, wenn man eine hübsche Frau mit Öl einreibt, sie nackt an einen See legt, das Ganze durch diffuses Mondlicht bescheinen lässt und mit Weichzeichner aufnimmt, kann man eigentlich nicht sehr viel falsch machen… ein weiteres Beispiel für die faszinierende Bildgewalt in „Melancholia“.

Achja 2:  An dieser Stelle ist es auch an der Zeit ein selbstgeschaffenes Bonmot endgültig zu revidieren, deshalb ein für allemal:
Nicht ALLE Filme, in denen Udo Kier mitspielt sind zwangsläufig schlecht! – Ein größeres Kompliment für „Melancholia“ bringe ich nun wirklich nicht zustande… Weiter so, Herr von Trier.

______________________

Melancholia (DEN / F /  SWE / D / 2011)
R: Von Trier / K: Claro / D: Von Trier

Advertisements
20
Jun
11

Antonionis China

Maos China zur Zeit der Kulturrevolution: Nach langen Verhandlungen erhält der italienische Filmemacher Michelangelo Antonioni vom Regime die Erlaubnis, für eine kurze Zeit ins streng abgeschottete Land zu reisen, um einen Dokumentarfilm über die Umbrüche und Lebensverhältnisse im Riesenreich zu drehen. Selbstverständlich unter strikten Auflagen, mit einer ständigen Reisebegleitung und auf vorgeplanten Wegen – von denen sich Antonioni natürlich so oft wie möglich entfernte. Das chinesische Regime erhoffte sich durch den Film eine Art weltweiten Propagandaeffekt und den Beweis für die Überlegenheit des Systems; doch waren Maos Schergen sehr enttäuscht über das Ergebnis…

Antonioni wusste, dass es ausgeschlossen ist ein kulturell, ethnologisch und historisch so bedeutsames Land wie China in einem Dokumentarfilm adäquat zu repräsentieren. Sich dessen bewusst scheint es als filme er einfach alles was ihn vor die Linse kommt. Mit dem Blick eines Entdeckers sammelt der moderne Marco Polo auf diese Weise Momentaufnahmen, Eindrücke und Artefakte des chinesischen Alltags: Kindererziehung, Fabrikarbeit, Schulalltag, Krankenhausarbeit, Verkehr, Wohnen… Es wirkt förmlich als sauge sich die Kamera mit Informationen voll, um auf diese Weise fantastische Einblicke in eine fremde Welt zu gewähren.

Ohne zeitliche Sprünge oder nachgedrehte Aufnahmen rekonstruiert Antonioni ganz unaufgeregt seine Reise durch das Reich der Mitte. Dabei führt ein stets unbeteiligt wirkender, merklich um Neutralität bemühter, Kommentar in die jeweiligen Sequenzen des Films ein; und lässt anschließend die Bilder für sich sprechen. So sind weite Teile des Films faktisch nur mit Originalton unterlegt, was eine neutrale, fast wissenschaftliche Perspektive vermittelt, die wiederum den Assoziationen und Interpretationsansätzen der Zuschauer freie Bahn lässt.

Dabei ist auffällig, dass Antonioni sich sehr für Details interessiert. Mit Hilfe von Teleobjektiv und Kamerazoom – Antonionis typischen Stilmitteln – geht er so nah heran, dass oft das gesamte Bild von einem einzelnen Gesicht ausgefüllt ist – als gelinge es Antonioni dadurch hinter die Fassade der scheinbar unnahbaren chinesischen Bevölkerung zu blicken. Auf diese Weise werden Gesichter zu Landschaften… Oft scheint sich Antonioni förmlich in der Vielzahl der unterschiedlichen Physiognomien zu verlieren. An manchen Stellen drängt sich dadurch das Gefühl auf, dass es sich um eine Art zoologischen Blick handeln könnte… doch ist es etwas anderes – uneingeschränkte Bewunderung, Respekt und Liebe zu den gefilmten Personen.

Dazu gehört auch, dass Antonioni niemals die Kamera versteckt oder gar heimlich filmt. Stets wird der Zuschauer visuell – durch offensichtliche Kamerablicke der Gefilmten – und auditiv – durch die die Drehumstände rekapitulierenden Kommentare – auf den Entstehungsprozess des Films hingewiesen. Somit bleibt die Kamera immer gegenwärtig; wodurch der dokumentarische Charakter des Films nochmals gesteigert wird. Egal ob verwackelt, unscharf oder offensichtlich durch die chinesische Propaganda gestellt; jedes Bild ist es wert in dem Film aufzutauchen. Antonioni versucht einfach so viele Eindrücke wie möglich zu vermitteln – alles ist interessant, aufschlussreich und auf sonderbar naive Art authentisch.

Dabei ist es bezeichnend, dass vor allem die Einstellungen, die die chinesische Regierung offensichtlich für den europäischen Filmemacher inszenieren ließ am aussagekräftigsten sind. Kinder, die wie kleine Roboter mit eingefrorenem Lächeln Revolutionslieder singen, militärisch präzis durchgeführte Wettkämpfe an Schulen, zum Ernteeinsatz marschierende Studenten usf. Oft decken gerade diese Einstellungen mehr auf als die von den Begleitern unbeobachtet gefilmten Momente – eben das Bild das die chinesische Regierung gern von ihrem Land gezeichnet hätte. Eine interessante Verwobenheit entsteht. Somit wird die scheinbar unreflektierte Sammlung von Artefakten zur aufschlussreichen Demaskierung.

Eine Katastrophe für die chinesische Regierung, für die Antonioni als Speerspitze der linken avantgardistischen Künstlerbewegung der richtige Mann für diesen Film gewesen zu sein schien – gerade auch nach der furiosen Schlusssequenz seines kurz vorher fertiggestellten „Zabriskie Point“ (1970), in dem eine kaum zu steigernde Materialismus-Kritik mitschwingt. Und obwohl Antonioni in seinem Film das politische System nie direkt angreift – und darüber hinaus oft seine latente Faszination für die Lebensweise der chinesischen Bevölkerung nicht verbergen kann -, wurde „Antonionis China“ vom maoistischen Regime als anti-chinesische Propaganda bezeichnet…

Was bei weitem nicht der Fall ist. Im Gegenteil: Antonionis Studien des chinesischen Alltags transportieren Erhabenheit und Stolz der Bevölkerung, und vermitteln dabei stets uneingeschränkte Bewunderung. Überhaupt ist die filmische Darstellung chinesischer Städte und Landschaften, trotz schwierigen Drehbedingungen und qualitativ minderwertigem 16-mm Filmmaterial -von dem Antonioni auf seiner Reise mehr als 300.000 Meter belichtete-,  jederzeit beeindruckend und von faszinierender Schönheit.

Und so zeichnet Antonioni mit seiner Dokumentation ein aufschlussreiches Zeit-Bild, das dennoch genügend Raum für Interpretation lässt und dabei bewusst propagandistisch-inszenierte Momente nicht vermeidet, um auf diese Weise eine fremde Epoche noch genauer zu beleuchten. Es entsteht eine sozio-kulturelle Zeitreise mit Beweischarakter, die durch die Vielzahl an scheinbar Nebensächlichem zu einem aussagekräftigen und einmaligen Dokument wird – wahrscheinlich der einzig überlieferte authentische filmische Nachweis des chinesischen Alltagslebens während der Kulturrevolution.

___________

Chung Kuo – Cina (ITA / 1972)

R: Antonioni / K: Tovoli / D: Barbato

17
Apr
11

Jagdszenen aus Niederbayern – Beängstigend heile Welt

„Gebt mir nicht die Schuld. Ich hab gemacht was ich konnte. Ich hab meinen Jungen geschlagen bis er grün und blau war, hab ihn stundenlag in den Schrank gesperrt, und trotzdem ist ein Perverser aus ihm geworden…“

Peter Fleischmanns auf dem gleichnamigen Bühnenstück basierender Film „Jagdszenen aus Niederbayern“ zeichnet das erschreckende Bild einer Dorfgemeinschaft, die durch engstirnige Borniertheit, jeglichen modernen gesellschaftlichen Entwicklungen resistent gegenüberzustehen scheint. Mit den Mitteln eines Heimatfilms entlarvt Fleischmann auf diese Weise schonungslos eine pervertierte Gesellschaft und prangert die opportunistisch-konformistischen Verhaltensweisen der „moralisch Untadeligen“ an. Ein schockierender Blick hinter die Fassade einer heilen Welt…

Zur Handlung: Nach längerem Aufenthalt in der Stadt kehrt der junge Mechaniker Abram in sein Heimatdorf zurück. Sofort versuchen die Dorfbewohner herauszufinden, was der junge Mann in der Stadt gemacht haben könnte. War er krank? Saß er im Gefängnis? Oder noch schlimmer: Ist er etwa homosexuell? Die Gerüchte sind jedenfalls Grund genug den jungen Mann zu meiden, ihn verbal und körperlich zu attackieren, seine Mutter in den Wahnsinn zu treiben und ihn schließlich bei der Polizei anzuzeigen. Von allen Seiten gehetzt und in die Ecke gedrängt, begeht Abram dann das Verbrechen, von dem die Dorfbewohner schon immer wussten, dass es geschehen wird… Zum Glück kehrt am Ende des Films auf dem Dorffest wieder die Idylle ein. Der Außenseiter ist inhaftiert, die schwelenden Konflikte bleiben ungelöst und: es gibt Freibier.

„Jagdszenen aus Niederbayern“ skizziert auf geschickte und unprätentiöse Weise die Entwicklung eines Rufmords: von den ersten Gerüchten, über sich verfestigende „Beweise“, bis hin zu blankem Hass und körperlicher Gewalt. Jederzeit ist dabei die brutale und aggressive Intoleranz der Dorfbewohner zu spüren, die in ihren moralischen Richtsprüchen deutlich unterscheiden. So wird großzügig über den durch Inzest geistig beeinträchtigten eigenen Nachwuchs und diverse fragwürdige „Liebes“-Beziehungen hinweggesehen. Das Dorf hält eben zusammen um sich gegen den Schmutz von außen zu schützen. Es wirkt als erschaffe sich die Gemeinschaft Feinde, um durch diese Abgrenzung den Zusammenhalt untereinander zu stärken und über eigene Verfehlungen hinwegzutäuschen. Abgrenzung als Garant der moralisch intakten Gemeinschaft…

Ähnlich wie später in Michael Hanekes großartigem Zeitbild „Das weiße Band“ ist jedoch hinter der Fassade wirklich jeder schuldig. Doch besitzen eben die Dorfbewohner die Möglichkeit individuelle Verantwortlichkeit durch den Verweis auf das Wohl der Gemeinschaft zu kaschieren. Kollektiver Rausch vernebelt kollektive Schuld…

Auf stilistischer Ebene fällt besonders der erbarmungslos dokumentarische Stil des Films auf. Mit vielen Laiendarstellern an Originalschauplätzen gedreht, zeigt die verstörend objektive Kamera die Dorfgemeinschaft aus irritierender Nähe. Dabei wirken die grotesk überzeichneten, ekel- und triebhaften Hauptfiguren oft ungemein abstoßend. Sie scheinen sich in ihrem eigenen Dreck eingerichtet zu haben und verbringen ihre Tage pöbelnd, saufend und lärmend. Ganz bewusst inszeniert Fleischmann seine Dorfbewohner als animalisches Rudel; und verleiht seinem Film dadurch die Atmosphäre einer derben Serengeti durch den gesellschaftlichen Konservativismus.

Dabei ist zu beachten, dass „Jagdszenen aus Niederbayern“ keine Kritik gegen ländlich geprägte Lebensweisen darstellt; sondern eher als die Beschreibung einer bis zur Abstraktion komprimierten Gesellschaftsstruktur zu verstehen ist; oder anders: als ein Spiegelbild der reaktionären, selbstgefälligen Lebensweise im Post-Wirtschafts-Wunderland. Dennoch wird nie wirklich klar, in welcher Epoche der Film angesiedelt ist – auch die zurückhaltend eingesetzten filmischen Mittel in Verbindung mit dem Schwarz-Weiß-Filmmaterial betonen diese erschreckende Zeitlosigkeit. Und so bleibt die leidenschaftliche Anklage gegen eine verkrustete Gesellschaftsstruktur bis zum heutigen Tage aktuell und lässt gleichzeitig Assoziationen zum Leben in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft zu. Ein lästiger, blutroter Faden wird erkennbar, der sich durch die gesamte deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts zieht.

Fleischmanns niederbayerisches Dorf jedenfalls wird bis in alle Zeiten, als eine sich selbst schützende und gleichzeitig von innen gärende Festung gegen Aufklärung und Moderne überdauern. Was in den Köpfen der moralisch pervertiert-aggressiven Bewohner vorgeht bleibt dabei stets unergründlich… aber wartet dämmernd auf den unvermeidlichen Ausbruch. Eine äußerst beunruhigende heile Welt.

___________

Jagdszenen aus Niederbayern (D / 1969)

R: Fleischmann / K: Derobe / D: Fleischmann (nach Martin Sperr)

13
Feb
11

Der schmale Grat – Schöner Krieg

Nach seinem Debut, dem furiosen Road-Movie-Liebesfilm „Badlands“ aus dem Jahr 1973 und dem großartigen Familienepos „In der Glut des Südens“ von 1978, legte Terrence Malick eine 20-jährige Schaffenspause ein, bevor er 1998 seinen dritten Film „Der schmale Grat“ herausbrachte. Ein Film, der sich mit der Eroberung der Pazifikinsel Guadalcanal durch amerikanische Truppen während des zweiten Weltkriegs beschäftigt. Doch trotz dieses Sujets kann „Der schmale Grat“ nur schwerlich als Kriegsfilm bezeichnet werden, denn eigentlich stehen eher die privaten Konflikte, Ängste und Probleme der Protagonisten im Mittelpunkt. Es ist eher Zufall dass gerade Krieg ist…

Schon der unkonventionelle Handlungsaufbau – mit der extrem langen Exposition, dem dramaturgischen und visuellen Höhepunkt etwa in der Mitte des Films und einem langsamen und langwierigen Ausklang – macht klar, dass Malick etwas anderes wollte, als eine konventionelle Kriegsgeschichte zu erzählen. Im Grunde genommen dient die Handlung des Films nur als Aufhänger, um die unterschiedlichen Seelenzustände und Ansichten der einzelnen Protagonisten darzustellen. Eigentliches Thema des Films ist der Mensch und das Panorama seiner Seele.

Um dies darzustellen, verwendet Malick neben einer Vielzahl subjektivierender Stilmittel (extreme Nähe der Kamera, episodenhafte Konzentration auf bestimmte Charaktere, subjektive Kameraeinstellungen usf.), reflektierende Voice-Over Kommentare, die er schon in seinen früheren Filmen einsetzte. Doch im Gegensatz zu seinem Frühwerk steht nicht nur ein einzelner Erzähler im Mittelpunkt, sondern eine Vielzahl an Protagonisten. Durch diesen multiplen Zugang verliert „Der schmale Grat“ natürlich an Stringenz, ermöglicht hingegen eine poetische, kompromisslose und scheinbar universale Reflexion über die Dualitäten Leben und Tod, Natur und Kultur, Psyche und Physis, Krieg und Menschlichkeit…

Dabei tragen Malicks extrem detailreiche Inszenierung, verbunden mit der intensiven Schauspielerführung und der exzellenten Kameraarbeit von John Toll, dazu bei, überwältigende Stimmungen zu generieren. In ungemein schönen und poetischen Bildern zeigt Malick neben imposanten Landschaftsaufnahmen, die vereinzelt die Seelenzustände der Protagonisten widerzuspiegeln scheinen, oft auch vermeintlich Nebensächliches, wie Detailaufnahmen von Pflanzen, Wellenbewegung und Windspiele auf Grasebenen… Bei Malick besteht Krieg eben nicht nur aus Schlachtengemetzel, Kameradschaftsfloskeln und Schützengrabenromantik, sondern auch aus der Schönheit der Natur; sozusagen als Gegengewicht zum Irrsinn des Krieges.

Gerade diese Taktik scheint auch für die Protagonisten zu funktionieren. Im Angesicht des Todes gewinnen für sie andere Werte an Bedeutung. Die Suche nach Schönheit, die Suche nach Sinn… und die Suche nach etwas Höherem. Durch diese hochintelligente, poetische und gleichzeitig zutiefst erschütternde Ebene, gewinnt „Der schmale Grat“ ungemein an Intensität. Malick inszeniert eine Art episches Psychospiel vor monumentalen Hintergrund.

Dabei stellt man sich oft die Frage gegen wen die Protagonisten wirklich kämpfen. Zumal die offiziellen Feinde (die japanischen Truppen) über weite Strecken des Films unsichtbar bleiben. Häufig hat es den Anschein als rennen die Soldaten gegen die überwältigende Natur an; der wahre Kampf findet jedoch in den Köpfen der Protagonisten statt. Durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven, die zudem häufig wechseln, wird deutlich, dass jeder seinen eigenen Krieg führt, dass jeder gegen seinen eigenen Feind kämpft… Stets auf dem schmalen Grat zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Formal besticht „Der schmale Grat“ auf allen Ebenen durch unglaubliche Perfektion. Von der Kameraarbeit über die Lichtsetzung (es wird meist mit natürlichem Licht gearbeitet) bis hin zur Schauspielerführung, scheint alles bis aufs Detail durchdacht und mit den finanziellen Mitteln eines Blockbusters kompromisslos umgesetzt. Eine besondere Erwähnung verdient an dieser Stelle die Tonspur. Die Musik von Hans Zimmer geht mühelos in atmosphärische Geräusche und subjektive akustische Erscheinungen über. Es entsteht eine komplexe symphonische Erfahrung, die in Verbindung mit den poetischen und stimmungsvollen Bildern zu einem optisch-auditiven Leckerbissen wird.

An manchen Stellen jedoch scheint Malick zu sehr in den klebrigen Hollywood-Honigtopf zu greifen… Beispielsweise wenn zum wiederholten Mal die wartende Ehefrau an der Heimatfront ihrem Liebsten nachsinnt, oder die japanischen Soldaten im Kampf Mann gegen Mann scheinbar ohne Gegenwehr abgeschlachtet werden… Auch der Alibi-Handlungsstrang um den alternden Colonel Tall (zugegebenermaßen großartig interpretiert von Nick Nolte), der seine Soldaten aus Karrieregründen in den sinnlosen Frontalangriff schickt, wirkt stark aufgesetzt. Es hätte dem Film sicherlich gutgetan auf einige dieser, für einen  Film zugegebenermaßen dankbaren Motive zu verzichten, die aus diversen Kriegs- und Antikriegsfilmen bekannt, mittlerweile zu peinlichen Stereotypen verkommen sind. An diesen Stellen verliert „Der schmale Grat“ etwas von seiner erhabenen Aura.

Nichtsdestotrotz bleiben Malicks einzigartige Erzählweise und die Art der Inszenierung atemberaubend und zutiefst bewegend. Er schafft Stimmungen, die intensiv und abstoßend zugleich sind und generiert eine eigenständige Welt, die auf den Betrachter sowohl vertraut als auch beklemmend wirkt. Auf diese Weise gibt Malick seinem Film eine zusätzliche Reflexionsebene; und genau deswegen geht „Der schmale Grat“ auch weiter als viele Kriegsfilme davor. Nicht das was gezeigt und erzählt wird ist wichtig, sondern die Atmosphäre, die dadurch entsteht. Kurzum: Was durch diesen Film vermittelt wird, ist niemals fass-, wohl aber fühlbar…

_______________

The Thin Red Line (USA / 1998)

R: Malick / K: Toll / D: Malick (nach James Jones)

19
Jan
11

Flimmern, Rausch und Kettensäge

„Ein filmloser Abend ist ein verlorener Abend“.

Munteres Filme raten mit Michi Herl, Heinz von Cramer und Peter Liermann. Drei Cineasten geraten ins schwärmen…  (Mitschnitt: Deutschlandradio Kultur – 12.01.2011)

v.l.: Peter Liermann, Michael Herl, Heinz von Cramer (Bild: Deutschlandradio - Anke Beims)

09
Dez
10

Die Unverschämten

Bei dem 1957 entstandenen Kurzfilm „Die Unverschämten“, handelt es sich um einen ungemein impulsiven Film, in dem die zugegebenermaßen minimale Handlung mit wahnwitzigem Tempo vorangetrieben wird. Auch mehr als 50 Jahre nach seinem Erscheinen versprüht der Film immer noch den unvergleichlichen Charme und den Elan, den es ausschließlich in Erstlingswerken zu geben scheint.

Standbild aus "Les Mistons" - "Die Unverschämten"Schon die erste Einstellung – die Fahrradfahrt; frontal gefilmt – bereitet den Zuschauer auf den rasanten Stil vor, mit dem Truffaut durch den 17-minütigen Film jagt. Man meint die Befreiung Truffauts zu erkennen, nun endlich die Möglichkeit zu haben, SEINEN ersten Film – nach intensivem Selbststudium in den Kinosälen – realisieren zu können.

Truffaut selbst bezeichnete „Die Unverschämten“ als Film der Unbekümmertheit und der Entdeckung. Und so wie er (als Regisseur) die Welt des Filmens entdeckt, so entdecken seine fünf Hauptdarsteller, die Liebe; ohne jedoch an ihr teilhaben zu können/dürfen. Denn sie befinden sich in diesem schwierigen Stadium im Leben eines Heranwachsenden, in dem das Erwachsensein genauso weit entfernt scheint, wie das Kindbleiben. Eine Tragik schwingt mit, die den gesamten Film über spürbar ist…

Ob nun Fahrrad gefahren, Tennis gespielt oder durch die Strassen gejagt wird, immer hat man das Gefühl, dass die vorangegangene Sequenz zu kurz war. Oft möchte man das Bild einfrieren um die wunderschönen, fast unschuldig wirkenden Bilder noch länger zu genießen. Dabei findet sich nie ein toter Punkt in Truffauts Erzählweise. Im Gegenteil: alles ist im Fluss, alles ist wichtig, alles ist schön.

Auch gibt es im kompletten Film nicht eine einzige Einstellung die in einem Innenraum spielt. Jede einzelne Aufnahme wird von der, für Filmemacher wohl billigsten Lichtquelle beleuchtet; der Sonne. Nicht zuletzt dadurch gelingt Truffaut auch diese unglaublich intensive Zeichnung einer typischen Hochsommer-Atmosphäre.

Trotzdem Geschwindigkeit und Verve des Films durchaus auf Truffauts Jugendlichkeit hinweisen, offenbart „Die Unverschämten“, das immense filmische Wissen des 25-jährigen Autodidakten. Immer wieder gibt es kurze Einstellungen (die meist wie Einschübe wirken) in denen Truffaut auf die Frühgeschichte des Kinos abhebt. So zum Beispiel beim Spielen der Kinder, wenn Truffaut die Aufnahme rückwärts ablaufen lässt und ein gerade „verwundeter“ Spielkamerad wie von Zauberhand wieder aufersteht – ein Verfahren das die Brüder Lumière zur Belustigung des Publikums auch in ihrer Vorführpraxis verwandten.

Standbild aus "Les Mistons" - "Die Unverschämten"Eine weitere besonders auffällige Einstellung ist die, in der „L’Arroseur arrosé“ (auf deutsch vielleicht: „Der begossene Begießer“ – der wohl erste Film mit einer Handlung) imitiert wird. In slapstickartiger Geschwindigkeit sehen wir einen Mann mit Gartenschlauch, der sich dank des Streichs eines der Protagonisten selbst begießt (interessanterweise fehlt bei Truffaut jedoch die Bestrafung des Übeltäters).

Zu guter letzt ist da natürlich noch die Anspielung auf „L’Arrivée d‘un train en gare de La Ciotat“ („Die Ankunft eines Zuges in den Bahnhof La Ciotat“ – der legendäre Film, bei dem die Zuschauer aus Angst vor dem heranfahrenden Zug das Kino verlassen haben sollen). Truffaut deutet diesen Film, bei der Trennung des Liebespaares, nur an (Kameraeinstellung und Setting passen jedoch genau und weisen auf diesen frühen Film hin).

Darüber hinaus gibt es auch immer wieder Einstellungen mit denen Truffaut überrascht, zu erwähnen wäre vor allem der (mindestens) 200°-Schwenk von einem riesigen Viadukt auf die Gesichter der Jungen, oder eben die zwar verwackelte aber wirkungsvolle Fahrradfahrt zu Beginn des Films.

Sicherlich fehlt Truffauts Erstlingswerk die Perfektion und die imaginäre Reife seiner späteren Filme – gerade die oftmals verwackelten Kameraschwenks, die schlechte Tonqualität und die überdramatisierte Handlung fallen diesbezüglich auf… Dennoch gelingt Truffaut mit „Die Unverschämten“ eine liebenswert unbekümmerte, poetische Reflexion über Liebe, Freundschaft und Tod.

(-Nov. 2007-)

__________

Les Mistons (F / 1957)

R: Truffaut / K: Malige / D: Truffaut (nach Pons)

01
Okt
10

Ein kriminelles Paar – Wunderland

Tabubruch, pervertierte Sexualität, Mord und Brutalität sind ständig wiederkehrende Motive bei Ozon. Seine  Filme wirken wie Cocktails, in denen diese Zutaten immer neu vermischt werden. So ist auch „Ein kriminelles Paar“ aufgrund des gewagten Themas und der düsteren Stimmung, die vermittelt wird, keineswegs ein leicht zugänglicher Film.

Auffällig ist die zweigeteilte Handlung: im ersten Teil geht es um den Mord an Said und die Beseitigung seiner Leiche, während sich der zweite Teil vollständig mit der Episode im Wald beschäftigt. Gerade hier sind Parallelen zu Hänsel und Gretel nicht zu verleumden; auch der im Wald lebende Menschenfresser scheint einem Grimm’schen Märchen entsprungen zu sein.

Wie oft bei Ozon spielen sich große Teile des Films in einem winzigen Haus ab. Der Regisseur scheint, wo es nur geht, das Kammerspiel zu suchen – wahrscheinlich ist ihm die dadurch entstehende Intensität wichtig. In diesem Zusammenhang ist es erstaunlich wie lieblos, platt und unsympathisch die Figuren in „Ein kriminelles Paar“ skizziert werden. Ob wer, wo oder wie ermordet wird, ist für den Zuschauer dadurch von sehr geringer emotionaler Bedeutung.

Alice tritt im Film als sexuell unbefriedigte, dominante Verführerin auf. Luc erscheint als ewig unschuldiger, kindlicher Spielball seiner Angebeteten. Erst durch die „liebevolle“ Behandlung des Menschenfressers wirkt er endlich emanzipiert genug, um sich auf sich selbst zu verlassen. Ob ihn am Ende der Tod von Alice mehr trifft als die Tritte gegen den Eremiten ist schwer zu sagen. Die Einzige, die zum Schluss wirklich glücklich zu sein scheint ist Alice selbst; von Kugeln durchlöchert macht sie den Eindruck als sei sie das erste Mal in ihrem Leben vollständig befriedigt.

Das parallele Erzählen unterschiedlicher Zeitebenen gelingt Ozon in „Ein kriminelles Paar“ ohne Mühe. Bemerkenswert sind auch die diversen Anspielungen auf Hitchcock – sowohl der Mord an Said („Psycho“) als auch das Begräbnis („The trouble with Harry“) stellen direkte Zitate dar.

(Dez. 2005)

_________________

Les amants criminels (F / 1999)

R: Ozon / K: Stoeber / D: Ozon




Unter den Blinden…

Kein Anspruch auf Vollständigkeit. Kein Anspruch auf Richtigkeit. Pure Subjektivität eines Einäugigen...

kategorisiert

Hier die E-Mail-Adresse eingeben, um über neue Beiträge informiert zu werden.

Schließe dich 6 Followern an