Archive for the 'Schnellkritik' Category

10
Aug
11

Doktor X – Verblüffender Dreigroschen-Krimi

Ein blitzend-blubberndes Laboratorium in einem abgeschotteten alten Herrenhaus: Fünf verschrobene Wissenschaftler und ein gestörter Buttler versuchen in einer stürmischen Nacht durch fragwürdige alchemistische Experimente herauszufinden, wer von ihnen der ominöse Mondscheinmörder ist. Doch der unbekannte Täter, der seine Opfer gewöhnlich mit einem Skalpell-Stich in den Kopf tötet, um danach diverse Leichenteile verspeisen zu können, mordet munter weiter. Auch die hübsche Tochter des Hausherren ist in Gefahr; zum Glück geht ein neugieriger Reporter der Sache auf den Grund… Kannibalismus, Vollmond, pervertierter Fetischismus, Sturmnächte und jede Menge pseudowissenschaftlicher Humbug… Herz was willst du mehr?

Mit seinem 1932 erschienenen „Doktor X“ inszeniert Michael „Casablanca“ Curtiz einen komödiantischen Horror-Krimi, der sich deutlich von den inflationär und oft billig produzierten Universal-Horrorfilmen der 30er Jahre abhebt. Ganz ähnlich wie in Paul Lenis großartigem „Spuk im Schloss“ (USA / 1927) oder in Curtiz‘ einem Jahr später gedrehten „Wachsfigurenkabinett“ (USA / 1933), fällt „Doktor X“ dabei vor allem durch den mutigen Genre-Mix und die aufwändige Produktion auf. Bemerkenswert ist diesbezüglich vor allem das seltene Zweifarben-Technicolor-Verfahren, das dem Film eine besondere Aura verleiht und in Verbindung mit der hervorragenden Lichtsetzung, einen ganz seltenen Beleg dafür liefert, das filmischer Expressionismus auch im Farbfilm funktionieren kann.

Zugegeben: die Handlung des -auf dem gleichnamigen Theaterstück basierenden Films- ist mehr als fragwürdig. Und auch erzählerisch bietet „Doktor X“ kaum Erwähnenswertes: Nach dem bewährten „Zehn-kleine-Negerlein-Prinzip“ verkleinert sich der Kreis der Verdächtigen stetig, wobei der Zuschauer bis zum Schluss im Unklaren darüber gelassen wird, wer der wahre Übeltäter ist… Auch die nervtötenden Versuche des nervtötenden Hauptdarstellers, nervtötende Slapstick-Einlagen anzubringen, wirken ziemlich nervtötend – Kurzum: der Versuch eine gesunde Mischung aus Grusel und Komödie zu schaffen, scheitert auch hier wieder kläglich. Selten wünscht man sich mehr, dass es den „Helden“ erwischt. Doch leider bekommt er zum Schluss doch was er will und verwöhnt die weibliche Hauptrolle – übrigens das bezaubernde Porzellangesicht Fay Wray, die später durch ihre Rolle in „King Kong“ (USA / 1933) in die Filmgeschichte eingehen wird – in einer wunderbar doppeldeutigen Schlusseinstellung mit seinem elektrischen Spielzeug…

Überhaupt stellt „Doktor X“ ein permanent schlüpfrig-morbides Sammelsurium aus sexuellen Anstößigkeiten, künstlichen Körperteilen und diversen Fetischen dar. Grandios die Sequenz in der die „Mondschein-Morde“ auf einer Art Bühne – Achtung Metaebene – nachgestellt werden, während die vermeintlich irren Wissenschaftler gefesselt und hilflos mit ansehen müssen, wie sich der wahre Mörder lüstern über die hübsche Hauptdarstellerin hermacht. Höhepunkt des Films ist jedoch die sonderbare Sequenz, in der sich einer der Mad Scientists mit synthetischen Fleisch einreibt um übermenschliche Kräfte zu erlangen…

Doch „Doktor X“ ist mehr als ein groteskes, aus einer Detectiv Story entsprungenes, Whodunit. Eben weil Curtiz die naiven Albernheiten der Story mit enormer technischer Perfektion umsetzt und dabei ganz nebenbei wertvolle Pionierarbeit auf dem Gebiet der Farbfilmtechnik leistet. So ist es einfach beeindruckend wie es ihm zusammen mit Kameramann Ray Rennahan gelingt, lediglich durch dezente Beleuchtungseffekte und geringfügige Perspektivwechsel radikale Stimmungswechsel zu erzeugen. Dies alles macht „Doktor X“ zu einem einzigartigen visuellen Leckerbissen, der ohne weiteres zu den sehenswertesten und gleichzeitig kuriosesten Hollywood-Produktionen der 30er Jahre gezählt werden kann.

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Doctor X (USA / 1932)

R: Curtiz / K: Rennahan / D: Comstock

25
Jul
11

Heißer Sommer – Die gesungene Blinddarmentzündung

„Heißer Sommer“ – ein Film aus einer anderen Welt. Vergesst „Manos“ (USA / 1966), vergesst „Plan 9 from outer Space“ (USA / 1959), diese „West Side Story“ für Super-Arme schlägt sie alle. So spontan wie eine Volkszählung und so lustig wie eine Wurzelbehandlung, macht dieses erzwungen jugendliche DDR-Musical so ziemlich alles falsch, was falsch gemacht werden kann: flache Charaktere, mittelalterliche Geschlechterrollen und gestelzte Handlung inbegriffen…

À propos Handlung: Zehn Jungen und elf Mädchen – von der impertinenten Brillenschlange, über den moralisch integeren Sonnenschein, bis hin zum Dorfmoped wird selbstverständlich jedes Rollenklischee bedient – trampen von Leipzig an die Ostsee und erleben viele „spaßige“ Abenteuer. Natürlich gibt es im Verlauf der Geschichte unzählige Gelegenheiten sich singend und tanzend der Umwelt mitzuteilen, wobei die ungelenken Choreographien – allesamt auf dem Niveau einer Grundschultheateraufführung – nicht einmal mehr unfreiwillig komisch wirken… Kopfschüttelnd und mit offenem Mund denkt man sich als Zuschauer nur noch: „Das kann doch nicht euer ernst sein?!“.

Hinzu kommt, dass dieser unglaubliche Versuch einen hippen Jugendfilm zu schaffen, ungemein prüde daherkommt – es grenzt fast schon an sozialistischer Pubertätsverweigerung. An vielen Stellen wirkt es zudem als hätte Joachim Hasler, Regisseur des Films, die Darsteller – u.a. die anarchischen DDR-Schlager-Stars Chris Doerk und Frank Schöbel – mit vorgehaltener Waffe gezwungen glücklich zu sein. Und gerade dieser somnambule Frohsinn ist es, der die „East Side Story“ zu einem echten Psycho-Horror-Erlebnis macht – ein verstörend surreales Spaß-Diktat.

Kurzum: Ein Film wie ein Autounfall… und dennoch, oder gerade deswegen ist „Heißer Sommer“ eine uneingeschränkte Empfehlung. Man muss es einfach mit eigenen Augen gesehen haben – selten war bedingungsloser Dilettantismus unterhaltsamer…

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Heißer Sommer (DDR / 1968)

R: Hasler / K: Hasler / D: Hasler

21
Jan
11

Aronofskys Black Swan

In Darren Aronofskys neuestem Film „Black Swan“ geht es -wer hätte es gedacht- erneut um den verzweifelten Versuch der Selbstfindung eines zerbrechlichen Individuums. Wieder sind Disziplin, Aufopferung und Selbstaufgabe wichtige Aspekte dieses Themas und wieder entsteht eine außergewöhnliche Nähe zwischen Filmfigur und Publikum.

Natalie Portman, Black SwanIm Mittelpunkt der Handlung steht die zierliche Balletttänzerin Nina Sayers. Sie hat ihr noch junges Leben völlig dem Ballett geopfert und bekommt nun die größte Chance ihres Lebens – die Hauptrolle in „Schwanensee“. Doch vorher muss sie sich mit ihrer überfürsorglichen Mutter, ihrem Ballett-Regisseur, ihrer Konkurrentin/Kollegin/Freundin Lilly und vor allem mit sich selbst und ihrer psychischen Störung auseinandersetzen. Was ihr bleibt um ihren Problemen zu entfliehen ist die Kunst. So scheint sich Nina im Verlauf des Films mehr und mehr selbst aufzugeben, um vollends mit ihrer Rolle zu verschmelzen.

Aronofsky schafft es scheinbar mit Leichtigkeit, die Qualen und den unglaublichen Druck der auf Nina lastet, präzise und schonungslos darzustellen. Mit der für ihn typischen verfolgenden „Nacken-Kamera“ und vielen subjektiven Einstellungen ist der Zuschauer stets nah am Geschehen und bekommt eine Ahnung wie viel Kraft und Energie Nina in ihren großen Traum investiert. Diese extreme Nähe wirkt in ihrer Drastik und Eindringlichkeit oft verstörend und tut manchmal geradezu körperlich weh.

Die psychischen Wahnvorstellungen Ninas werden im Verlauf des Films durch das stetig wiederkehrende Spiegelmotiv vorbereitet. Gleichzeitig schafft es Aronofsky durch den geschickten Einsatz von surrealen Momenten und vereinzelten Schockeffekten, das Abdriften in die Schizophrenie routiniert nachzuzeichnen. Dabei spielt er oft mit der Wahrnehmung des Zuschauers und lässt jederzeit offen wie weit Ninas Krankheit fortgeschritten ist. Gerade der Einsatz der subjektiven Sicht Ninas bietet sich für diese wahrnehmungsrelevanten Vexierspiele förmlich an. Oft fühlt man sich an Polanskis Protagonisten erinnert, die ebenso langsam und für den Zuschauer nicht jederzeit nachvollziehbar ihre Persönlichkeitsstörungen aufbauen; sei es Carole in „Ekel“ (1965), sei es Trelkovsky in „Der Mieter“ (1976) oder Rosemarie in „Rosemaries Baby“ (1968).

Doch während sich Polanski voll und ganz auf seine Protagonisten konzentriert und die psychischen Störungen in allen Phasen des Films geradezu seziert, wird diese Ebene in „Black Swan“ nicht voll durchgespielt. Und so schwankt der Film stark zwischen Psychothriller, Tanzfilm, Selbstfindungsdrama und Horrorschocker. Es scheint als wollte der Regisseur zu viel. Nina hat Schwierigkeiten in ihren Beziehungen zu ihrer Mutter (Anklänge an Hanekes „Die Klavierspielerin“ sind offensichtlich), ihrer Konkurrentin, und ihrem Lehrer; darüber hinaus muss sie noch erwachsen werden, ihre Sexualität entdecken, die größte Rolle ihres Lebens tanzen und mit ihrer Persönlichkeitsstörung klarkommen. Ein bisschen viel für nur einen Film…

Denn weder bei den diversen Nebencharakteren, noch bei Nina selbst werden Intentionen und Beweggründe nachvollziehbar. Oft legt Aronofsky einfach die Kitsch-Schablone an, um möglichst schnell möglichst eindimensionale Charaktere zu zeichnen. Man meint fast, dass es dem Film besser getan hätte, einige dieser Konflikte auszublenden, um einen genaueren und intimeren Zugang zum Seelenleben Ninas zu finden; anstatt eine überladene Filmhandlung mit einer Vielzahl an Stereotypen abzuerzählen.

Und so bleibt „Black Swan“ leider oft sehr flach: die von Anfang an klare Handlungsrichtung, die wiederholten Erklärungen des „Schwanensee“-Plots, das unglaublich penetrant vorbereitete und ausgebreitete Spiegelmotiv und die stets dunklen, dämonischen Doppelgänger sind weitere Beispiele für diese überdeutliche Inszenierungsmethode. Stets wird überdrastisch visualisiert; jede Emotionalität wird exzessiv ausgekostet. Und wenn auf der Tonebene zum wiederholten Mal „beängstigende“ Atemgeräusche schockierende Einstellungen paraphrasieren, wirkt „Black Swan“ teilweise auch unfreiwillig komisch.

Was in „The Wrestler“, aufgrund der Grobschlächtigkeit des Protagonisten sowohl filmisch als auch erzählerisch noch wunderbar funktionierte, geht bei „Black Swan“ leider daneben; eben weil man mehr erwartet als eine erneute Parabel des Scheiterns eines sympathischen, verletzlichen Außenseiters. Die Taktik große Teile der Handlung ins Innere der Protagonistin zu verlegen, wirkt eher wie ein schlechter Versuch den Makel des Imitats zu kaschieren… und so scheitert „Black Swan“ letztlich am eigenen Ansatz, an der überladenen Handlung und der damit verbundenen unbefriedigenden Oberflächlichkeit.

Nichtsdestotrotz ist „Black Swan“ eine sehr geschickte, in sich selbst gespiegelte moderne „Schwanensee“-Interpretation, in der stets auch märchenhafte Momente mitschwingen. Die emotionale Darstellung von Selbstwerdung und Selbstaufgabe ist -nicht zuletzt durch das intensive und unprätentiöse Spiel Natalie Portmans- tief bewegend. In jedem Fall stellt der Film eine interessante Reflexion über die Unauflösbarkeit von Traum, Realität und Kunst dar. Doch bleibt am Ende leider nicht mehr übrig, als ein oft zwischen Mädchen- und Altherrenfantasie schwankendes Selbstfindungsdrama, das die vielen interessanten Ansätze allzu leichtfertig verspielt.

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Black Swan (USA / 2010)

R: Aronofsky / K: Libatique / D: Heyman

01
Okt
10

Die Träumer – Typisch Bertolucci?

Sex, Drugs and Cinémathèque francaise

Bertoluccis Film „Die Träumer“ ist keine bloße Liebeserklärung ans Kino, keine Hommage an Paris oder an die Jugend, kein Tribut an den Sex oder die Aufbruchstimmung oder das Leben oder die Freiheit. Bertoluccis Film ist eine Liebeserklärung an all das zusammen.

Frühling ’68: Der schüchterne Amerikaner Matthew trifft vor der Cinématèque francaise auf Isabelle, die zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Theo in Paris lebt. Die Drei kommen sich schnell näher. Als die Eltern der Geschwister in den Urlaub fahren, zieht Mathew bei ihnen ein. In der Wohnung der Eltern führen „Die Träumer“ ein Leben ohne Tabus, verbunden durch die Liebe zum Kino und die Liebe zueinander. Sie leben in einer abgeschlossenen Welt, die jedoch jäh zusammenbricht. Als sie von den 68er Ereignissen eingeholt werden, stellen sie fest, dass sie in einer Zeit des Aufbruchs leben und beteiligen sich an den Straßenkämpfen, was letztlich zu einer endgültigen Trennung führt. Pflasterstein flieg…

Im Verlauf des Films legen die drei Hauptfiguren -neben ihren Körpern- auch ihre Seelen frei. So lernt der Zuschauer die Menschen hinter der Fassade kennen und erfährt, dass Matthew in Isabelle verliebt ist, dass Theo eifersüchtig ist und dass Isabelle ihren Bruder doch mehr liebt als Matthew.

Die Konkurrenz von Matthew und Theo wird auch immer wieder an ihren Disputen verdeutlicht. Während Theo der Meinung ist Chaplin sei der Größte, beharrt Matthew auf Keaton [und er hat Recht]. Während Theo für Eric Clapton schwärmt, ist Matthew Hendrix-Fan. Der Gegensatz zwischen Matthew und Theo scheint unauflösbar (Keaton vs. Chaplin; Hendrix vs. Clapton; stiller Revolutionär vs. Lauter Revoluzzer; Amerikaner vs. Franzose; blond vs. dunkel; Gandhi vs. Mao…). So ist eigentlich von Anfang an klar, dass es keine gemeinsame Zukunft der Drei geben kann.

„Die Träumer“ ist keine historische Beschreibung der Pariser Ereignisse von 1968, es ist eher eine Psychostudie. Ein Film der nicht mit pompösen Bildern protzt, sondern die Intimität und Intensität eines Kammerspiels bevorzugt. Diese intensive Wirkung wird jedoch stark eingeschränkt durch die dürftige Leistung der „Schauspieler“, einzig Eva Greene (Isabelle) weiß an manchen (Körper-) Stellen zu überzeugen. Man nimmt ihr die Frivolität, die gespielte Angepasstheit und die Verzweiflung am ehesten ab. Wohingegen Leonardo Di Caprio-Klon Michael Pitt oft eine unfreiwillig komische, weil überzogene schauspielerische Leistung abliefert (letztendlich scheinen anatomische Vorzüge die Wahl der Schauspieler eher beeinflusst zu haben, als ihr Können).

Nichtsdestotrotz ist „Die Träumer“ ein humorvoller Film, der immer wieder mit unerwartet witzigen Momenten aufwartet und das Lebensgefühl einer Generation vermittelt (nicht zuletzt durch den Einsatz von Musik). Auch die kunstvollen Kameraperspektiven, besonders in Verbindung mit den diversen Spiegeln der Wohnung, sind sehenswert – eine der stärksten Einstellung in Film ist die „Badewannen-Unterhaltung“, in der alle drei in der Wanne liegen und nur über den als Triptychon angebrachten Spiegel zu sehen sind.

Oberflächlich betrachtet ist „Die Träumer“ eine Hommage ans Kino. Ausschnitte aus Klassikern der Filmgeschichte lassen die Herzen von Cineasten höher schlagen. Beispiele hierfür sind Sequenzen aus „Scarface“, „Queen Christine“, „A bout de souffle“ oder „Freaks“. Dies verdeutlicht den persönliche Ansatz den Bertolucci für seinen Film (der wahrscheinlich auch autobiografische Züge trägt) gewählt hat. Je mehr sich die Handlung des Films jedoch entfaltet, je politischer das Thema wird, desto weniger steht das Kino im Mittelpunkt. So wird aus der Liebe zum Cinéma schließlich eine Perversion, bspw. wenn Theo vor einem Marlene Dietrich Bild onaniert.

„Die Träumer“ ist ein sehr offener und freizügiger Film, der häufig eben durch diese Direktheit schockiert. Alles in bester Tradition von „Der letzte Tango von Paris“, vermischt mit dem revolutionären Pathos von „1900“. So ist „Die Träumer“ letztendlich eher ein Abgesang, als eine Hommage ans Kino; verbunden mit der (revolutionären) Aufforderung den eigenen Traum nicht zu träumen, sondern ihn zu leben. Jaja, die 68er…

(geschrieben: Dez. 2003)

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The Dreamers (F / GB / ITA / 2003)

R: Bertolucci / K: Cianchetti / D: Adair

01
Okt
10

Inception – Nolans Meisterwerk?

“Matrix” meets “A Space Odyssey” meets “Ein andalusischer Hund” meets “Ocean’s Eleven”

Filmkritik und Publikum sind begeistert: „Inception“ ein Meisterwerk, Film des Jahres, Film des neuen Jahrtausends. Was für ein trauriges Jahrtausend…

Christopher Nolan weiß wie es geht. Seine Filme sind erfolgreich und besitzen gleichzeitig die Aura des philosophisch-intellektuellen. Eine Mischung die nur ganz wenige Filmemacher vor ihm erreicht haben. Und auch mit „Inception“ stellt Nolan wieder einmal einen virtuos verschachtelten Actionthriller auf die Beine, würzt das ganze mit einer Prise philosophischer Denkarbeit und veredelt alles mit großartigen Bildern zu einem gelungenen und abwechslungsreichen Kinoerlebnis. Aber ein Meisterwerk?

Die Handlung des Films ist jedenfalls ziemlich banal: Eine von „Babyface“ DiCaprio angeführte sympathische, multiethnische Terror-Brigade marschiert in die Träume eines milliardenschweren Weicheis ein, um einen Gedanken in seinen Kopf zu pflanzen. Doch der Junior hat vorgesorgt und so versucht eine von seinem Unterbewusstsein projizierte Privatarmee die Pläne der Traumeindringlinge zu durchkreuzen…

Sicherlich: „Inception“ erhebt keinen Anspruch in irgendeiner Weise realistisch zu sein – und beugt diesem Kritikpunkt auch durch die in der Traumwelt angesetzte, mehrfach deutbare Handlung vor. Doch bleibt am Ende trotzdem nicht mehr übrig, als ein bildgewaltiger, zum Mitdenken ermunternder Actionthriller.

Denn die merkwürdige Computerspielhandlung, aufgesetzte Mehrdeutigkeiten und eindimensionale Charaktere verankern den Film eben doch im Unterhaltungsgenre. Tiefergehende Reflexionen über den Dualismus Traum und Realität sucht man vergebens. So dass die vorgegaukelte, philosophische Reflexionsebene der surrealen Traumwelten im Grunde genommen lediglich dazu dient, zugegebenermaßen beeindruckende Spezialeffekte zu motivieren. Natürlich ist es ein besonderes Kinoerlebnis wenn die Schwerkraft im Film außer Kraft gesetzt wird, Brücken aus dem Nichts entstehen oder gar urbane Straßenzüge den Himmel ersetzen. Alles ausgesprochen spektakulär und mit absoluter Perfektion umgesetzt; aber nicht hilfreich für die Handlung und zudem nicht sonderlich originell.

„Inception“ bedient sich ganz offenkundig aus den Archiven der Filmgeschichte: ein großer Teil Action, ein erheblicher Anteil Heist-Movie, etwas Sci-Fi, ein Tick Thriller, Liebesfilm, Märchen, James-Bond, Melodrama und all dies mit surrealistischem Anklang. Für jeden Zuschauer ist etwas dabei, ein Jeder findet Gefallen an gewissen Teilaspekten.

Auf diese Weise macht Nolan mit seinem Patchworkfilm „Inception“ im Grunde genommen wieder alles richtig und ist damit – zu Recht – erfolgreich. Wenn man sich auf das Angebot einlässt, erlebt man beeindruckende, spannende und kurzweilige Unterhaltung. Doch wer eben mehr erwartet als einen Hollywood-Blockbuster-Popcorn-Film, sollte seinen Kinoabend eher anderweitig verplanen.

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Inception (USA / 2010)

R: Nolan / K: Pfister / D: Nolan




Unter den Blinden…

Kein Anspruch auf Vollständigkeit. Kein Anspruch auf Richtigkeit. Pure Subjektivität eines Einäugigen...

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