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30
Mai
12

Melancholia – Die expressiven Titten der Kirsten Dunst

Kurz vorangestellt: Freunde und intensive Leser dieses Blogs werden wissen, dass ich Lars von Triers Art Filme zu machen nicht unbedingt mag…

JustineSuperzeitlupe, ein stürzendes Pferd, klassische Musik eines deutschen Komponisten – wer in diesem Moment an Tarkovsky denkt liegt natürlich richtig; doch gibt es auch einen aktuellen Regisseur, der sich dieser bildgewaltigen Ästhetik, oder besser ästhetisierten Bildgewalt, bedient, um sie zu einem perfekt inszenierten, aber seelen-, weil inhaltslosen Bildungsbürger-Musikvideo zu steigern; so dass die offensichtliche Reminiszenz an den Großmeister des metaphysischen Films letztlich zu bourgeoisen Kitsch verkommen muss. Bildete der Prolog von „Antichrist“ noch den dramaturgisch motivierten, furiosen Auftakt zu einem fulminanten Psychospiel, bleibt die „Melancholia“-Einführung nicht mehr als eine lautmalerische Hülse.

Abgesehen von diesem hochstilisierten Prolog, teilt sich von Triers „Melancholia“ deutlich in zwei Abschnitte. Im ersten Teil zerstört, die anfangs scheinbar glückliche Justine in einem subversiven Rausch ihre eigene Hochzeit und schließt auf diese Weise radikal mit ihrem bisherigen Leben ab. Im zweiten Teil zerstört der Planet „Melancholia“ (Zwinkerzwinker) die Erde; vorher jedoch wird Justine, mittlerweile ein psychisches und physisches Wrack, von ihrer Schwester Claire und ihrer Familie wieder aufgebaut, um am Ende des Films -während Welt und Gesellschaft zusammenbrechen- eine geradezu messianische Stärke zu erlangen.

Beide Teile des Films sind im Grunde genommen eigenständige Werke, die lediglich durch angelernte Erklärungsmuster und dem guten Willen des Zuschauers einen Zusammenhang erhalten. Sicher bildet der Weg Justines von unendlicher Freude über den radikalen Bruch mit ihrem bisherigen Leben; das Tal der Tränen bis hin zur „Wiedergeburt“, in gewisser Weise eine Einheit; dennoch bleibt von Triers Double-Feature erzählerisch bewusst inkohärent…

…und gleichzeitig stilistisch inkonsequent: In einem Multimillionen-Dollar-Film mit internationalem Staraufgebot, hanebüchenen Spezialeffekten und ausgeklügelten, ikonisch-apokalyptischen Bildphantasmagorien greift von Trier, über weite Teile des Films, auf die scheinbar improvisierte, verwackelte Dogma-Hand-Kameraführung zurück. Mit dieser Imitation dokumentarischer Kameraarbeit, machte es sich von Trier im Laufe seiner Karriere sehr einfach. Doch leider kippt das anfangs Erfrischende und Provozierende dieses Konzepts spätestens seit „Dancer in the Dark“ ins genaue Gegenteil… Nebenbei sollte sich dieses stilistische Mittel spätestens seit dem weltweiten Doku-Soap-Boom mehr als überlebt haben… vor allem im Kino!

Justines HochzeitApropos Dogma: Die Hochzeit, der erste Teil des Films, wirkt an manchen Stellen wie ein lauwarmer Aufguss von Vinterbergs „Das Fest“ und hat insofern wenig Überraschendes zu bieten. Der zweite, ungleich stärkere, Teil des Films hingegen nutzt die entstehende Intimität zwischen den beiden Frauen (handelt es sich wirklich um zwei Frauen?!) und den bevorstehenden Aufprall des Planeten um eine körperlich greifbare Spannung zu erzeugen. Dabei entsteht ein interessantes wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Schwestern, das von gegenseitiger Hilfebedürftigkeit bis hin zu sexueller Annäherung reicht. Man fühlt sich dabei stark an Bergmanns „Persona“ erinnert – ein weiteres Mal öffnet von Trier die Mottenkiste der ganz großen Meister… indem er große Filmkunst fürs große Publikum adaptiert/imitiert, kann er weiter in seiner hart erarbeiteten Arthouse-Nische verharren.

Dennoch: „Melancholia“ ist ein starker, hypnotischer, geradezu paralysierender Film. Der vor allem durch die überraschend starke Leistung Kirsten Dunsts fesselt – die auch die großartige Charlotte Gainsbourgh ohne Weiteres an die Wand spielt. UND: Einen schöneren Weltuntergang gab es seit Kubricks „Dr. Strangelove“ nicht zu sehen.

Achja: Nebenbei bemerkt lässt sich Justines Seelenzustand in „Melancholia“ auch problemlos durch ihre Titten erzählen. Auf Justines „glücklicher“ Hochzeit  weist ihr überbordendes, pralles Dekolleté auf blühendes Leben und Überdruss, im zweiten Teil, dem Tal der Tränen, bleibt davon nicht mehr übrig als schlaffes Gehänge. Erst beim Wiedererstarken wirken ihre expressiven Möpse wieder straff und verführerisch… Sicher, wenn man eine hübsche Frau mit Öl einreibt, sie nackt an einen See legt, das Ganze durch diffuses Mondlicht bescheinen lässt und mit Weichzeichner aufnimmt, kann man eigentlich nicht sehr viel falsch machen… ein weiteres Beispiel für die faszinierende Bildgewalt in „Melancholia“.

Achja 2:  An dieser Stelle ist es auch an der Zeit ein selbstgeschaffenes Bonmot endgültig zu revidieren, deshalb ein für allemal:
Nicht ALLE Filme, in denen Udo Kier mitspielt sind zwangsläufig schlecht! – Ein größeres Kompliment für „Melancholia“ bringe ich nun wirklich nicht zustande… Weiter so, Herr von Trier.

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Melancholia (DEN / F /  SWE / D / 2011)
R: Von Trier / K: Claro / D: Von Trier

01
Okt
10

Blicke aufs Meer – Eindrücklich

„Blicke aufs Meer“: ein Film der fast ausschließlich über die Hauptdarstellerinnen funktioniert. Der Zuschauer wird ohne Rücksicht auf Pietät und Scham mit den Charakteren dieses Films konfrontiert. So entsteht eine außerordentliche Nähe, die im Verlauf des Films zwischen Mitgefühl, Vertrautheit, Sympathie und Ekel changieren wird.

Francois Ozon zeigt keine glanzvollen, durchgestylten Retortenwesen, sondern objektiv gewöhnliche Frauen. Die beiden Hauptdarstellerinnen wirken nicht überhöht und extravagant oder gar einzigartig. Sie erscheinen unfertig und gebrochen, aber eben doch einfach, schlicht, geradezu normal. Eben durch diese Taktik fällt es dem Zuschauer leichter sich auf die Charaktere einzulassen, um letztendlich einen umso größeren Schock versetzt zu bekommen, wenn das vermeintlich bekannte Verhalten letztendlich von der Norm abweicht. Dabei erscheinen diese Schockelemente im Film anfangs übertrieben, gewollt und stellenweise unmotiviert, erklären sich aber in Hinblick auf das Ende als düstere Vorahnung.

Ozons Film wirkt an manchen Stellen wie eine Fortsetzung zu „Persona“ (SWE / 1966). Neben der Leere und Einsamkeit der Ferienwohnung, fällt besonders die Unterschiedlichkeit der Charaktere auf; die sich jedoch im Verlauf beider Filme immer näher kommen (so gibt es in „Persona“ einen intimen Dialog zwischen Elisabeth und Alma, in dem es um ein spontanes Sexerlebnis an einem Strand geht; in Ozons Film wird dieser Dialog in Bilder umgesetzt). In beiden Filmen wird mit Masken gespielt; sie werden aufgesetzt, ausgetauscht und schließlich heruntergerissen. Nie kann sich der Zuschauer sicher sein: Traum oder Realität?

„Blicke aufs Meer“ ist ein verstörender Film. Jedoch verstören weniger die krassen Schockelemente, als das langsame, aber stete Umkippen einer scheinbar normalen Situation. Ozon gelingt mit seinen Hauptdarstellern ein Spiel zwischen Nähe und Abgrenzung, es bleibt stets ein latentes Gefühl der Unterkühltheit, des Unnahbaren und des Widerwärtigen. Erst am Ende befreit der verstümmelte Leib der Mutter den Zuschauer endlich von dieser Ungewissheit.

(geschrieben: Nov. 2005)

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Regarde la mer (F / 1997)

R: Ozon / K: Le Saux / D: Ozon




Unter den Blinden…

Kein Anspruch auf Vollständigkeit. Kein Anspruch auf Richtigkeit. Pure Subjektivität eines Einäugigen...

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