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28
Aug
11

Bykows Vogelscheuche

Die glamourösen 80er Jahre in dunkelster sowjetischer Provinz. Die 12-jährige Lena, genannt „Vogelscheuche“, ist neu in der Stadt und wohnt, aus nicht näher beschriebenen Gründen, bei ihrem verschrobenen Großvater, der sein gesamtes Vermögen in Kunst investiert, dabei aber in Lumpen herumläuft. Nicht nur deswegen wird die Neue von ihrer pubertär vor sich hin gärenden Schulklasse gehänselt. Doch die gutmütige Vogelscheuche bemerkt die Sticheleien nicht, denn sie hat nur noch Augen für den „mutigen“ Dima. Als dieser seine Mitschüler an die Lehrerin verrät, nimmt die Vogelscheuche die Schuld auf sich. Die Klasse fordert Vergeltung… aus harmlosen Kränkungen wird hasserfüllter Terror.

Offensichtlich: Bykows „Vogelscheuche“ beinhaltet alle Charakteristika eines durchschnittlichen Teenager-Dramas: Erste Liebe, Herzschmerz, Abgrenzung, Erwachsenwerden… Doch durch die intelligente subjektive Erzählstruktur des Films, wird aus der scheinbar banalen Alltagsgeschichte die fesselnde Inszenierung eines Weltuntergangs. Auf diese Weise wird aus einer kindgerechten filmischen Banalität, eine systemkritische, verheerend pessimistische Gesellschaftsparabel.

So gibt es in „Vogelscheuche“ ausschließlich kaputte Familienstrukturen: getrennt lebende Eltern, Kinder, die bei den Großeltern aufwachsen, Jugendliche, die die Elternrolle übernehmen… Mehr noch: keiner der Erwachsenen – weder Eltern, Großeltern, noch Lehrer – scheint den Nachwuchs unter Kontrolle zu haben. Im Gegenteil, es wirkt als hätten die Erwachsenen panische Angst vor den Kindern, die durch ihr trotziges und respektloses Verhalten bitterkalte Härte unter Beweis stellen wollen. Sie versuchen Vorbilder zu imitieren, die sie nicht haben. Das Ende ist vorprogrammiert. Sie sind die Hoffnung eines abgekämpften Systems… und müssen letztlich scheitern. Eine äußerst deprimierende Aussicht.

Genauso wie das sowjetische Gesellschaftsmodell, das sich in Auflösung befindet, scheint auch die Umgebung der Protagonisten zu zerfallen. Die fast dokumentarisch eingesetzte Kamera entwickelt dabei eine Vorliebe für dreckige Brachen und verwitterte Gebäude. Fernab von steriler Ästhetik entstehen auf diese Weise beunruhigende Stimmungsbilder, in denen sich die Natur die zerfallenden Reste einer untergehenden Zivilisation zurückzuerobern scheint. Und so leben die bewusst schablonenartigen Charaktere des Films in einer surreal-diffusen Zwischen-Welt. Eine Welt irgendwo zwischen Utopie und Dystopie, zwischen Mittelalter und Moderne, zwischen Opfer und Täter, zwischen Kind sein und Erwachsenwerden…

Die ungeschönte Beschreibung sowjetischer Lebensverhältnisse macht Bykows „Vogelscheuche“ zu einem bedrückenden Zeitbild; und gibt gleichzeitig einen weiteren Beleg dafür, wie geschickt Filmemacher in Zeiten kultureller Repression an der Zensur vorbeiargumentieren können. Wut, Ehrlichkeit, Mut und Integrität… um all das geht es in diesem bemerkenswert realistischen Stück spätsowjetischer Filmkunst. Ein beißend-pessimistischer Lagebericht, der zu einem erstaunlich scharfsinnigen Menetekel wurde.

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Chuchelo (UdSSR / 1983)

R: Bykow / K: Mukasej  / D: Zheleznikow




Unter den Blinden…

Kein Anspruch auf Vollständigkeit. Kein Anspruch auf Richtigkeit. Pure Subjektivität eines Einäugigen...

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