Posts Tagged ‘schoenheit

13
Mrz
11

Onibaba – Instinkt und Menschlichkeit

Kaneto Shindôs „Onibaba“ spielt im feudalen Japan. Zwei Frauen – Mutter und Ehefrau eines kämpfenden Samurai – halten sich in den Wirren eines langandauernden Krieges am Leben, in dem sie flüchtende Soldaten töten, um ihre Rüstungen und Waffen auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Als Hachi, ein ehemaliger Nachbar, aus dem Krieg zurückkehrt, erfahren die Frauen, dass ihr Sohn-Ehemann gefallen ist. Die Beziehung zwischen ihnen beginnt sich zu verändern. Zudem entsteht eine sexuelle Spannung zwischen der jungen Witwe und dem Rückkehrer. Die Mutter versucht die sich anbahnende Beziehung mit allen Mitteln zu verhindern…

Trotz der relativ einfachen – vage auf einer buddhistischen Legende basierenden – Handlung bleiben alle Charaktere des Films stets undurchsichtig. Die Vermutung, die Mutter würde aus Andenken an ihren Sohn die Liaison zwischen Hachi und der Schwiegertochter unterbinden, erweist sich schnell als falsch, wenn Eifersüchteleien und unbefriedigte sexuelle Wünsche der Mutter deutlich werden. Sie fühlt sich ausgeschlossen. Ihre intrigante und boshafte Art scheint nur auf dem Wunsch zu beruhen nicht allein gelassen zu werden. Ein zutiefst menschliches Bedürfnis…

Obwohl die Figuren im Verlauf des Films scheinbar rein instinktiv ihre niederen Bedürfnisse befriedigen (Schlafen, Fressen, Ficken), ist „Onibaba“ dennoch eine detailliierte und intelligente Studie über menschliche Beziehungen: So weicht die perfekt funktionierende Symbiose zwischen Mutter und Tochter, unter der harten Führung der Älteren, langsam auf. Aus der dominanten Mutter wird die schwache, verzweifelnd-fordernde und letztlich Scheiternde, die durch ihr Versagen ein Stück ihrer Würde wiedergewinnt. Stets werden diese hierarchischen Schwankungen mustergültig durch Kameraperspektiven und Einstellungen paraphrasiert.

Denn so roh und brutal die Figuren im Film agieren, so unglaublich gefühlvoll und stilistisch einwandfrei ist die Kameraarbeit. Im wundervollen CinemaScope schafft Shindô mit seinem Kameramann Kiyomi Kuroda wirkungsmächtige Bilder, die Anmut vermitteln und dabei gleichzeitig verstörend unergründlich erscheinen. Zurückgenommene Dialoge und die Zentrierung auf visuelles Erzählen verstärken diesen Eindruck noch. So ist die sterile Perfektion der Bilder zu jedem Zeitpunkt bewundernswert. Die Lichtsetzung changiert dabei von künstlerisch-künstlichen expressionistischen Schwarz-Weiß-Kontrasten, bis hin zu realistisch-dokumentarischer Natürlichkeit des Lichts.

Mit einer faszinierenden Genauigkeit setzt Shindô immer wieder Zeitlupenaufnahmen ein, die ungemein befremdlich wirken und dennoch Sinn vermitteln. Generell variiert das Tempo des Films sehr stark. Langsam fließende Passagen, wechseln sich mit überstürzten und hektischen Momenten. Stille, Gewalt, Trägheit, Sex, Mord… Shindô beherrscht all diese Gefühlsparadigmen exzellent. Durch extreme Detailaufnahmen und schockierende Bildeinschübe wird darüber hinaus ständig eine überzeugend beklemmende Stimmung aufrechterhalten, die zusammen mit den Schock-suchenden Toneffekten zur atmosphärisch dichten Erzählung beiträgt.

Auch das Setting ist diesbezüglich enorm wichtig. Die Handlung spielt ausschließlich in einem dichten Feld mannshoher, schilfähnlicher Pflanzen. Das Feld bietet den Protagonisten einerseits Schutz (Verstecken, Wohnen, Überleben), auf der anderen Seite entsteht durch die verwirrende Undurchsichtigkeit aber auch eine fast greifbare klaustrophobische Spannung. Einzig ein mysteriöses schwarzes Loch im Boden, scheint als Gegenpol zu den endlos wirkenden Feldern zu dienen. Auf der einen Seite die endlosen Weiten des Feldes, auf der anderen Seite das Nichts (sozusagen der Eingang zu einer anderen Welt), das stetig als Bedrohung aber auch als Versprechen einer möglichen Erlösung eine wichtige Rolle im Leben der Charaktere spielt.

An dieser Stelle sei kurz Shindôs, vier Jahre später entstandener Film, „Kuroneko“ erwähnt, der einen ähnlichen Plot aufweist aber ganz anders funktioniert. Auch hier töten Mutter und Schwiegertochter gemeinsam Samurai (diesmal aus Rache), bis der Sohn-Ehemann von den Herrschenden ausgesendet wird um die beiden Frauen zu töten. Es entspinnt sich ein fesselndes Psychospiel. Shindô setzt den Film von vornherein in einen metaphysisch-schaurigen Zusammenhang, da die weiblichen Protagonistinnen Geister – also bereits tot – sind… Bemerkenswert ist die neutrale, fast schon verstörend objektive Kameraarbeit. Alles in allem wirkt „Kuroneko“ aber etwas unzusammenhängend und gewollt; und kommt deswegen, trotz vieler sehenswerter Momente, qualitativ nicht an „Onibaba“ heran.

Der bekennende Sozialist Shindô zeigt in „Onibaba“ die Wertlosigkeit eines einzelnen Lebens auf. Deutet man den Film als Gesellschaftsparabel, wirken die Triebhaftigkeit der Charaktere, die zügellose Sexualität und die Gier nach materiellen Werten wie eine latente aber stets mitschwingende Kapitalismuskritik. Überhaupt stellt „Onibaba“ durch die vielfältigen Interpretationsangebote seiner minimalistischen und gleichzeitig vielsagenden Elemente ein psychoanalytisch-metaphorisches Fass ohne Boden dar. Nur einige Beispiele: die undurchsichtigen Felder, das schwarze Loch, verschiedene Phallussymbole, sexuelle Spannungen zwischen Mutter und Tochter, Selbstverletzungen, Exorzismus, Traumsequenzen, Tag-Nacht Dichotomien, Kastrationsmetaphern (Frauen töten Männer und nehmen ihnen ihre Waffen), die Angst verlassen zu werden usw. usf. Kurzum: „Onibaba“ bietet reichlich Raum für Interpretationen…

Dessen ungeachtet gelingt Kaneto Shindô mit seinem minimalistischen, aber atmosphärisch dichten Film ein „realistisches Märchen“, das sich nicht mit moralisch-ethischen Implikationen befasst, sondern mit den Instinkten und Begierden des Menschen. Shindô subtrahiert faktisch die Romantik aus der filmischen Erzählung: aus Liebe wird Sex, aus Freundschaft Symbiose und aus religiösen Implikationen pures Mittel zum Zweck… Dennoch zeichnet Shindô nur bedingt ein negatives Menschenbild; stellt doch letztlich gerade die entschlossene Anpassung an widrige Umstände die Stärke der Kreatur Mensch dar. Wenn die Verhältnisse es verlangen wird das Individuum zur Bestie. Die ungeschönte Illustration menschlichen Daseins…

 

 

 

 

 

 

_____________

Onibaba (JAP / 1964)

R: Shindô / K: Kuroda / D: Shindô

Eine erstklassig bebilderte, lebendige Besprechung des Films findet sich übrigens auch unter: http://www.japankino.de/2010/onibaba/

Advertisements
20
Feb
11

Jim Jarmuschs Mystery Train

Auch in seinem vierten Langfilm „Mystery Train“ blickt Jim Jarmusch wieder aus der Perspektive von Außenseitern auf ein müdes und abgekämpftes Amerika. Er zeigt urbane Alpträume und eigenwillige Menschen unterschiedlicher Kulturen, die scheinbar zufällig zusammenkommen und ihre Welt, ihr Leben und sich selbst neu entdecken. Trotzdem Jarmusch diese Thematik schon in seinen früheren Filmen ausführlich behandelt hat, stellt „Mystery Train“ eine neue Qualität in seinem Schaffen dar. Jarmusch wird zum radikalen Beobachter und lässt dabei das Klischee des Erzählers immer weiter hinter sich.

Standbild aus Mystery TrainIn drei nacheinander ablaufenden Episoden zeigt Jarmusch kurze Geschichten, die alle zur selben Zeit am selben Ort (Memphis) spielen, doch dennoch kaum Berührungspunkte aufweisen. Alle Episoden dieser „Memphis-Trilogie“ stehen im Grunde genommen für sich und sind durchaus auch als eigenständige Kurzfilme vorstellbar. Im ersten Teil, „Far from Yokohama“, begleiten wir ein junges Paar aus Japan, das sich auf die Suche nach den Wurzeln des Rock’n‘Roll begibt. „Ghost“ – die zweite Episode, handelt von einer Italienerin, die in Memphis jede Menge surreale Gestalten trifft… und den Geist von Elvis. In „Lost in Space“, der dritten Geschichte, lassen sich drei Außenseiter volllaufen. Im Rausch erschießt einer von ihnen einen Verkäufer…

Neben den winzigen Handlungen, fällt vor allem auf, dass Jarmusch allen Episoden eine Auflösung verwehrt. Er begleitet seine Charaktere, ohne Rücksicht auf Erzählkonventionen, nur so lange wie es ihm interessant erscheint. Zwar werden am Ende des Films die drei Handlungen Alibimäßig zusammengeführt, doch besteht diese „Zusammenführung“ lediglich darin, dass alle Protagonisten getrennt voneinander, zum selben Zeitpunkt die Stadt verlassen… Mehr nicht…

Jarmusch geht mit „Mystery Train“ in seiner minimalistischen Erzählweise ein Stück weiter als noch in „Stranger than paradise“ oder „Down by law“. Während sich die Protagonisten in seinen frühen Filmen ebenfalls am Ende des Films trennen und eigene Wege beschreiten, agieren sie doch wenigstens über weite Teile des Films miteinander. In „Mystery Train“ wird die Isolation des Menschen stärker betont. Auch hier gehen die Protagonisten der drei Episoden am Ende des Films getrennte Wege; doch sind sie sich vorher nie begegnet. Einzig Zeit und Ort verbinden die Figuren… was bleibt ist bittere Beziehungslosigkeit.

Dabei ist „Mystery Train“ stets mehr Stimmung als Erzählung. Es sind eher Momente, die den Episoden Stringenz verleihen. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, schafft Jarmusch eine intensive Nähe zu seinen Figuren. Ein gutes Beispiel ist die kurze Sequenz der ersten – und stärksten – Episode, in der die junge Japanerin versucht ihren unterkühlten Freund zum Lachen zu bringen. Dieser kurze unglaublich dezente und dabei so wirkungsvolle und witzige Moment, steht exemplarisch für den ganzen Film, wenn nicht sogar für das gesamte Frühwerk Jarmuschs: Ihm gelingt eine minimalistische, fast dokumentarisch wirkende Beobachtung von einzigartigen Menschen, die an fremden und unwirtlichen Orten zu sich selbst finden.

Diese „magischen Momente“ wären ohne die bemerkenswert präzise Kameraarbeit Robby Müllers kaum vorstellbar. Mit dem Blick eines Fremden entdeckt seine Kamera neue Welten und generiert dabei gleichzeitig Schönheit und Poesie aus Bildern urbaner Trostlosigkeit. Bezeichnend sind die Passagen des Films, in denen die Kamera neben den Protagonisten entlangfährt, um sie bei ihrer Entdeckungsreise zu begleiten. Diese für Jarmusch typischen Einstellungen geben dem Zuschauer das Gefühl ganz nah bei den handelnden Personen zu sein und praktisch mit ihnen durch die verlassenen Straßen zu wandern. Doch sehen wir uns in diesen Momenten nicht zusammen mit den Protagonisten die Stadt an, sondern wir sehen ihnen dabei zu, wie sie sich die Stadt anschauen. Eine merkwürdige Metaebene entsteht. Die Umgebung wird zur Kulisse; oder anders: sie transformiert sich zu einem Parabolspiegel, der die Intimität mit der Jarmusch seine Charaktere beschreibt um ein Vielfaches verstärkt.

Mit „Mystery Train“ baut Jarmusch der Geburtsstadt des Rock sicherlich kein Hochglanzdenkmal. Dennoch zeichnet er ein gefühlvolles, manchmal resignierendes aber stets liebenswertes Bild der Stadt. Dabei macht Jarmusch seinen Film schon durch die Besetzung zu einem Panoptikum der Rock-Musik; neben Joe Strummer, Screamin‘ Jay Hawkings und Rufus Thomas als Darsteller, ist auch die Stimme von Tom Waits zu hören; auch der allgegenwärtige Elvis erscheint in einer Vision. Jarmuschs Hommage wirkt dabei stets so ungestüm, vielfältig und dreckig, wie der Musikstil selbst.

Kurzum: „Mystery Train“ passt sicherlich in keine Schablone. Der Film ist gleichzeitig Liebes- und Bankrotterklärung. Ein stets zwischen Melancholie und Hoffnung schwankender Abgesang auf ein Land, auf eine Epoche und auf einen großen Traum…

______________

Mystery Train (USA / 1989)

R: Jarmusch / K: Müller / D: Jarmusch

13
Feb
11

Der schmale Grat – Schöner Krieg

Nach seinem Debut, dem furiosen Road-Movie-Liebesfilm „Badlands“ aus dem Jahr 1973 und dem großartigen Familienepos „In der Glut des Südens“ von 1978, legte Terrence Malick eine 20-jährige Schaffenspause ein, bevor er 1998 seinen dritten Film „Der schmale Grat“ herausbrachte. Ein Film, der sich mit der Eroberung der Pazifikinsel Guadalcanal durch amerikanische Truppen während des zweiten Weltkriegs beschäftigt. Doch trotz dieses Sujets kann „Der schmale Grat“ nur schwerlich als Kriegsfilm bezeichnet werden, denn eigentlich stehen eher die privaten Konflikte, Ängste und Probleme der Protagonisten im Mittelpunkt. Es ist eher Zufall dass gerade Krieg ist…

Schon der unkonventionelle Handlungsaufbau – mit der extrem langen Exposition, dem dramaturgischen und visuellen Höhepunkt etwa in der Mitte des Films und einem langsamen und langwierigen Ausklang – macht klar, dass Malick etwas anderes wollte, als eine konventionelle Kriegsgeschichte zu erzählen. Im Grunde genommen dient die Handlung des Films nur als Aufhänger, um die unterschiedlichen Seelenzustände und Ansichten der einzelnen Protagonisten darzustellen. Eigentliches Thema des Films ist der Mensch und das Panorama seiner Seele.

Um dies darzustellen, verwendet Malick neben einer Vielzahl subjektivierender Stilmittel (extreme Nähe der Kamera, episodenhafte Konzentration auf bestimmte Charaktere, subjektive Kameraeinstellungen usf.), reflektierende Voice-Over Kommentare, die er schon in seinen früheren Filmen einsetzte. Doch im Gegensatz zu seinem Frühwerk steht nicht nur ein einzelner Erzähler im Mittelpunkt, sondern eine Vielzahl an Protagonisten. Durch diesen multiplen Zugang verliert „Der schmale Grat“ natürlich an Stringenz, ermöglicht hingegen eine poetische, kompromisslose und scheinbar universale Reflexion über die Dualitäten Leben und Tod, Natur und Kultur, Psyche und Physis, Krieg und Menschlichkeit…

Dabei tragen Malicks extrem detailreiche Inszenierung, verbunden mit der intensiven Schauspielerführung und der exzellenten Kameraarbeit von John Toll, dazu bei, überwältigende Stimmungen zu generieren. In ungemein schönen und poetischen Bildern zeigt Malick neben imposanten Landschaftsaufnahmen, die vereinzelt die Seelenzustände der Protagonisten widerzuspiegeln scheinen, oft auch vermeintlich Nebensächliches, wie Detailaufnahmen von Pflanzen, Wellenbewegung und Windspiele auf Grasebenen… Bei Malick besteht Krieg eben nicht nur aus Schlachtengemetzel, Kameradschaftsfloskeln und Schützengrabenromantik, sondern auch aus der Schönheit der Natur; sozusagen als Gegengewicht zum Irrsinn des Krieges.

Gerade diese Taktik scheint auch für die Protagonisten zu funktionieren. Im Angesicht des Todes gewinnen für sie andere Werte an Bedeutung. Die Suche nach Schönheit, die Suche nach Sinn… und die Suche nach etwas Höherem. Durch diese hochintelligente, poetische und gleichzeitig zutiefst erschütternde Ebene, gewinnt „Der schmale Grat“ ungemein an Intensität. Malick inszeniert eine Art episches Psychospiel vor monumentalen Hintergrund.

Dabei stellt man sich oft die Frage gegen wen die Protagonisten wirklich kämpfen. Zumal die offiziellen Feinde (die japanischen Truppen) über weite Strecken des Films unsichtbar bleiben. Häufig hat es den Anschein als rennen die Soldaten gegen die überwältigende Natur an; der wahre Kampf findet jedoch in den Köpfen der Protagonisten statt. Durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven, die zudem häufig wechseln, wird deutlich, dass jeder seinen eigenen Krieg führt, dass jeder gegen seinen eigenen Feind kämpft… Stets auf dem schmalen Grat zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Formal besticht „Der schmale Grat“ auf allen Ebenen durch unglaubliche Perfektion. Von der Kameraarbeit über die Lichtsetzung (es wird meist mit natürlichem Licht gearbeitet) bis hin zur Schauspielerführung, scheint alles bis aufs Detail durchdacht und mit den finanziellen Mitteln eines Blockbusters kompromisslos umgesetzt. Eine besondere Erwähnung verdient an dieser Stelle die Tonspur. Die Musik von Hans Zimmer geht mühelos in atmosphärische Geräusche und subjektive akustische Erscheinungen über. Es entsteht eine komplexe symphonische Erfahrung, die in Verbindung mit den poetischen und stimmungsvollen Bildern zu einem optisch-auditiven Leckerbissen wird.

An manchen Stellen jedoch scheint Malick zu sehr in den klebrigen Hollywood-Honigtopf zu greifen… Beispielsweise wenn zum wiederholten Mal die wartende Ehefrau an der Heimatfront ihrem Liebsten nachsinnt, oder die japanischen Soldaten im Kampf Mann gegen Mann scheinbar ohne Gegenwehr abgeschlachtet werden… Auch der Alibi-Handlungsstrang um den alternden Colonel Tall (zugegebenermaßen großartig interpretiert von Nick Nolte), der seine Soldaten aus Karrieregründen in den sinnlosen Frontalangriff schickt, wirkt stark aufgesetzt. Es hätte dem Film sicherlich gutgetan auf einige dieser, für einen  Film zugegebenermaßen dankbaren Motive zu verzichten, die aus diversen Kriegs- und Antikriegsfilmen bekannt, mittlerweile zu peinlichen Stereotypen verkommen sind. An diesen Stellen verliert „Der schmale Grat“ etwas von seiner erhabenen Aura.

Nichtsdestotrotz bleiben Malicks einzigartige Erzählweise und die Art der Inszenierung atemberaubend und zutiefst bewegend. Er schafft Stimmungen, die intensiv und abstoßend zugleich sind und generiert eine eigenständige Welt, die auf den Betrachter sowohl vertraut als auch beklemmend wirkt. Auf diese Weise gibt Malick seinem Film eine zusätzliche Reflexionsebene; und genau deswegen geht „Der schmale Grat“ auch weiter als viele Kriegsfilme davor. Nicht das was gezeigt und erzählt wird ist wichtig, sondern die Atmosphäre, die dadurch entsteht. Kurzum: Was durch diesen Film vermittelt wird, ist niemals fass-, wohl aber fühlbar…

_______________

The Thin Red Line (USA / 1998)

R: Malick / K: Toll / D: Malick (nach James Jones)

06
Nov
10

Riefenstahls Olympia-Filme

Viel wurde und wird über die beiden Olympia Filme von Leni Riefenstahl gesagt, geschrieben und diskutiert. Arischer Körperkult und Evangelium der Schönheit, dokumentarische Qualität und ausgebeutete Realität: dies sind die Pole zwischen denen die Meinungen oszillieren. Nur in einem Punkt scheinen alle überein zu stimmen: die umstrittenen Olympia-Filme sind ganz sicher – beeindruckend.

Schon bei den Dreharbeiten setzte die Riefenstahl Maßstäbe. Mit einem Team von mehr als 150 Mitarbeitern wurden über 400 km (!) Film belichtet. Allein die Sichtung des Materials nahm zehn Wochen in Anspruch. Der Schnitt dann noch einmal anderthalb Jahre. Zum Schluss kam man auf ein unglaubliches Drehverhältnis von 1:67.

Bereits die etwa halbstündige Exposition des Films gehört wohl zu dem Monumentalsten was je auf einer Leinwand zu sehen war. Riefenstahl eröffnet einen Bogen von den Olympischen Spielen der Antike bis ins Jahr 1936. Dabei lässt sie sich aufreizend viel Zeit und zeigt Bilder von antiken Tempeln und Skulpturen, die sich langsam in reale Menschen zu verwandeln scheinen. Alles Mystisch angehaucht durch leistungsstarke Nebelmaschinen, transzendentale Musik und auffallend viele Überblendungen.

Nach dieser epischen Exposition, beschäftigt sich die Riefenstahl –scheinbar in dokumentarischer Manier- mit den Ereignissen der Olympischen Spiele von Berlin. Der Einmarsch der Nationen ins Stadion, der Applaus des Publikums, die Eröffnung der Spiele durch den „Friedensführer“… Wer dabei nach offenen propagandistischen, rassenideologischen oder arisch-nationalen Tiraden sucht, wird schnell überrascht sein. Es gibt keine tumbe Nazi-Propaganda… genauso wenig wie die oftmals beschworene dokumentarische Qualität des Films.

Denn obwohl die Riefenstahl scheinbar ganz objektiv die Leichtathletik-Wettkämpfe wiedergibt, ist sie von einer Dokumentation der Ereignisse weit entfernt. Die Bilder sind allesamt hochgradig dramatisiert, gestrafft und inszeniert. Riefenstahl vertritt ganz deutlich einen perspektivischen und ästhetisierenden Ansatz. So werden beispielsweise der Speerwurf und der Marathonlauf unter rein ästhetischen Gesichtspunkten aufgenommnen. Ganz zu Schweigen vom Wettkampf der Turmspringer, in dem –neben der Schwerkraft- auch die Chronologie außer Kraft gesetzt zu werden scheint. Spannungsaufbau und Inszenierung gehen sogar soweit, dass einzelne Wettkämpfe nachinszeniert wurden, um die richtigen Einstellungen und Aussagen zu finden. Somit haben die meisten Aufnahmen mit der Realität sehr wenig zu tun. Das Informative tritt gegenüber dem Ästhetischen deutlich zurück und das sportliche Ereignis gleitet (mal mehr, mal weniger) ins Reich der Ästhetik ab. Soweit nichts Schlimmes…

Kameratechnisch sind extreme Einstellungen keine Seltenheit. Besonders häufig ist die Froschperspektive (bei Riefenstahl wohl eher Anbetungsperspektive), bei der die Athletenkörper umso massiver und imposanter wirken. Diesbezüglich fällt auch die beeindruckende Montage der Bilder auf. Alles wirkt rhytmisch, fließend und definitiv durchdacht. Oft wird Spannung explizit durch Schnitte erzeugt; so unterscheiden sich Einstellungslängen im Verlauf des Films recht deutlich. Wieder tritt die künstlerische Ästhetisierung an die Stelle der dokumentierenden Informationsvermittlung.

Ein weiteres auffälliges Merkmal beider Filme, ist die hohe technische Meisterschaft mit der die Riefenstahl und ihre Kameraleute die Wettkämpfe einfangen. Es ist einfach beeindruckend wie die Kamera scheinbar mühelos neben den Sprintern entlangfährt, oder wie Flugaufnahmen über dem Olympiastadion die ausgelassene Stimmung der Spiele wiedergeben. Einige dieser innovativen Aufnahmemethoden wurden dabei eigens für den Film entwickelt bzw. perfektioniert. So beispielsweise Unterwasseraufnahmen, Zeitlupe, Teleobjektivtechniken, Aktion-Reaktion-Montage (Sportler-Publikum), die mitfahrende Kamera usf. Alles Verfahren die heutzutage -mehr als 70 Jahre nach diesem Film- zu Standardverfahren bei Sportberichterstattungen des Fernsehens gehören und ohne diesen Film wohl kaum vorstellbar gewesen wären. Die filmische Vorbildfunktion von Olympia ist definitiv unbestritten.

Ob der Aufwand gerechtfertigt ist? Aus bildästhetischer Sicht ohne Frage. Doch die Aussage hinter dem monumentalen Ansatz ist und bleibt mehr als fragwürdig; eben weil die diversen Verfahren der Stilisierung und Ästhetisierung nicht dem reinen Selbstzweck dienen. Schnell wird klar: im Mittelpunkt des Films steht der menschliche Körper bzw. die Kraft und die Schönheit desselben. Nur durch Kampf und Selbstdisziplin findet der Mensch zu seiner wahren Schönheit. Der perfekte Körper ist der disziplinierte Körper… Dies ist die gefährliche Essenz der Olympia-Filme.

So hinterlässt „Olympia“ einen äußerst zwiespältigen Eindruck. Die gestalterische Raffinesse und die epische Wucht des Films, verbunden mit der technischen Perfektion und der kühlen Schönheit der Riefenstahlschen Bilder beeindrucken und verstören zugleich. Was bleibt ist ein merkwürdig diffuses Kinoerlebnis.

_____________________

Olympia: Fest der Völker (D / 1936)

Olympia: Fest der Schönheit (D / 1936)

R: Riefenstahl / K: Riefenstahl u.a. / D: Riefenstahl




Unter den Blinden…

Kein Anspruch auf Vollständigkeit. Kein Anspruch auf Richtigkeit. Pure Subjektivität eines Einäugigen...

kategorisiert

Hier die E-Mail-Adresse eingeben, um über neue Beiträge informiert zu werden.

Schließe dich 6 Followern an

Advertisements