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19
Jul
11

Bewegliche Ziele

In seinem pessimistischen Debütfilm beschäftigt sich Peter Bogdanovich mit dem Leben zweier Männer, die genug von ihrem konsum- und profitorientierten Alltag haben und sich dabei auf ganz unterschiedliche Weise von ihrer Umwelt und ihren Mitmenschen abgrenzen. Der Eine, Byron Orlock, indem er die gesellschaftlichen Mechanismen hinterfragt und sich resignierend in den Zynismus flüchtet; der andere, Bobby Thompson, indem er sich einen Schokoriegel rein schiebt, das Ganze mit einer Flasche Cola runterspült und ein paar Menschen in den Kopf schießt…

Dabei könnte Bobby – das Zerrbild eines lindfarben gekleideten, allglatten All-American-Boy der 60er Jahre – eigentlich mit seinem Leben zufrieden sein. Er fährt ein schnelles Auto, hat eine hübsche Frau und lebt in einer gutbürgerlichen Wohngegend. Dennoch merkt man schnell, dass mit dem jungen Mann etwas nicht stimmt. Er wirkt auf irritierende Weise gelangweilt und scheint stets auf der verzweifelten Suche nach Veränderung zu sein. Die kläglichen Versuche mit seinen Mitmenschen über seine Probleme zu sprechen schlagen fehl; mal wird er ignoriert, mal scheint er unfähig sich zu öffnen. Schwer vorstellbar: der beruflich erfolgreiche, gesellschaftlich akzeptierte Jedermann ist sozial isoliert.

Ähnlich geht es auch dem alternden Horrorfilmdarsteller Byron Orlock – gespielt von Boris Karloff. Auch er hat genug von der immer gewalttätiger und fremder werdenden Welt. Das Paradoxe: Orlock-Karloff weiß, dass er Mitschuld trägt an der bedenklichen gesellschaftlichen Entwicklung. Denn als Ikone des Horrors hat er gewissermaßen dazu beigetragen eine Gesellschaft zu schaffen, die nur durch immer neue und aufregendere Thrills und Horrorvisionen aus der selbstgewählten Lethargie erweckt werden kann…

Durch die beiden locker verknüpften Handlungsstränge kommentiert Bogdanovich beängstigende amerikanische Lebenswelten, geprägt durch Kino, Konsum und Kaltem Krieg. Dabei wird die überzeugend vermittelte Großstadt-Peripherie-Ästhetik zur deprimierenden Anklage gegen eine stupide konsumierende, phlegmatische Gesellschaft. Ein diesbezüglich treffendes Bild ist die Sequenz im Autokino. Unzählige Autos verharren gefühls- und regungslos vor der riesigen Leinwand. Was zählt ist einzig der Konsum… was bleibt, der isolierte Mensch. Unbegrenzte Freiheit wird zur Farce; der amerikanische Traum ist zu einem Alptraum geworden.

So zeichnet Bogdanovich eine triste und apathische Welt, aus der es lohnt sich schnellstmöglich zu verabschieden. Erstaunlicherweise gelingt es ihm dadurch Bobbys Ausbruch verständlich zu machen. Nicht der Amokläufer wird angeklagt, sondern die Gesellschaft, die ihn zu dem gemacht hat. Auf diese Weise erscheinen die Taten des Amokschützen überraschend nachvollziehbar. Mehr noch: die unzähligen Opfer des Amoklaufs werden bei Bogdanovich sogar zu Schuldigen. Sie alle haben die süßlich-affektierte Welt in der sie leben widerstandslos akzeptiert…

Bogdanovichs sterile, gefühlsneutrale Inszenierung des Schreckens macht „Bewegliche Ziele“ zu einem verstörenden Film-Erlebnis. Die nahezu vollständige Entdramatisierung des Gezeigten und die unheimliche Stille, die viele Bilder beherrscht, lassen die präzis koordinierten Tötungs-Aktionen Bobbys dabei umso beängstigender erscheinen.

Der etwas umständlich in die Handlung integrierte Orlock-Plot erweitert die anklagende Gesellschaftskritik um einen bitteren Seitenhieb auf die unterhaltungs- und profitorientierte Medienindustrie und verweist somit auch auf mögliche Gründe für den Ausbruch Bobbys. Bezeichnend, dass der Amok-Schütze am Ende des Films den Leinwand-Orlock mit dem Realen verwechselt; die Grenzen sind durch ständige Medienpräsenz fließend und für Viele kaum noch zu unterscheiden. Durch den beängstigend unauffälligen Übergang vom Leinwand-Horror zum realen Schrecken beschreibt Bogdanovich in „Bewegliche Ziele“ ganz beiläufig eine soziale und mediale Zäsur: Die Ära der großen Leinwandmonster ist ein für allemal vorbei. Traurig aber wahr, für große Teile des Publikums wirken die anachronistischen Überbleibsel dieser Zeit nur noch befremdlich und bestenfalls belustigend.

Und so ist „Bewegliche Ziele“, nicht zuletzt durch die vielen Filmzitate, stets auch als liebevolle Hommage zu verstehen, in der Bogdanovich, als exzellenter Kenner der Filmgeschichte, sehnsuchtsvoll auf jene Zeit zurückblickt, in der Film noch Vision war – Visualisierung des Unfassbaren, Möglichmachung des Unmöglichen. Eine Zeit die definitiv vergangen ist, angesichts einer Realität die grausamer ist als es der Film je war…

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Targets (USA / 1968)

R: Bogdanovich / K: Kovács / D: Bogdanovich




Unter den Blinden…

Kein Anspruch auf Vollständigkeit. Kein Anspruch auf Richtigkeit. Pure Subjektivität eines Einäugigen...

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