02
Nov
10

Kaurismäkis Proletarische Trilogie

So gut wie alle Figuren in Kaurismäkis „Proletarischer Trilogie“ drücken eine existentielle Gebrochenheit aus. Sie sind vom Leben gezeichnet und scheinen ohne Gefühle weiterzuleben. Eine tiefe Melancholie macht sich breit…

Das Beunruhigende: die Protagonisten wissen nicht, dass es ihnen schlecht geht. Sie ertragen ohne aufzubegehren. Trotzdem versuchen sie ständig, gesellschaftliche Verhaltensmuster zu imitieren – was die Charaktere wiederum erzkonservativ erscheinen lässt. Und dennoch stehen die Hauptfiguren jederzeit außerhalb der Gesellschaft… wahrscheinlich gerade weil sie verzweifelt versuchen hineinzugehören.

In der proletarischen Trilogie wird Urbanität zum Monster. Keine Natur; nur Maschinen, Autos und Beton. Die Stadt in ihren tristen, ausufernden Zügen. Eines der diesbezüglich auffälligsten Stilmittel, ist der fast vollständige Verzicht, den Horizont zu zeigen. Die Protagonisten Kaurismäkis wirken wie gefangen in ihrer grauen, urbanen Welt; und scheinen von ihrer Umgebung dominiert zu werden. Alles und Jeder wirkt irgendwie krank und unnatürlich.

Das extrem zurückgenommene Spiel der Darsteller vergegenwärtigt dabei immer wieder die Fiktionalität der Handlung. Verbale Kommunikation ist stets stark reduziert. Der Zuschauer beginnt sich ähnlich unbehaglich zu fühlen, wie die Figuren im Film. Schweigen wird zur Tour de force…

Emotionalität gibt es nicht. Selten ein Lächeln, nie ein weinen. Die Charaktere ertragen ihr Schicksal. Will jemand etwas an seiner Situation ändern, so ist dieser Versuch von Vornherein zum Scheitern verurteilt: Der sich beruflich selbstständig machende Müllwagenfahrer aus „Schatten im Paradies“ erleidet einen Herzinfarkt; das Mädchen aus der Streichholzfabrik gerät stets an die Falschen; Taisto, der Held aus „Ariel“, wird auf geradezu groteske Weise vom Pech verfolgt… Die einzige Lösung scheint die Flucht… egal ob nach Tallin, wie in „Schatten im Paradies“ oder Südamerika – „Ariel“.

Einzig Iris, das Mädchen aus der Streichholzfabrik, schafft es letztlich, sich erfolgreich zu befreien: Während des gesamten Films erduldet sie die Nackenschläge ihrer Mitmenschen. Sie scheint es, wie alle Protagonisten Kaurismäkis, nicht anders zu kennen und fügt sich in ihr Schicksal. Sie ist isoliert und kommt trotz verzweifelter Versuche nicht aus dieser Isolation heraus. Sie sucht nach Nähe und findet Nichts. Iris hat keinen Halt im Leben… außer ihrem fremdbestimmten Alltag. So wie die Maschinen ihren Arbeitsrhythmus dominieren, bestimmen andere externe Faktoren ihr Privatleben. Ihr wird klar: Um selbst zu bestimmen, muss sie ausbrechen. Paradoxerweise emanzipiert sie sich jedoch, indem sie bewusst die Isolation wählt. Erst als sie mit sich allein Vorlieb nimmt und nicht ein ihrem Wesen, fremdes Leben anzunehmen versucht, scheint sie zufrieden. Durch die totale Isolation erreicht sie (kurzfristig) die Freiheit…

Gerade „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ ist ein ungemein düsteres und trauriges Märchen. Aber ist es pessimistisch? Nicht unbedingt. Denn Iris schafft es, sich zu befreien. Selbst wenn diese Freiheit nur kurz währt und sie schnell von der Gesellschaft für ihr Handeln abgestraft wird… Sie hat aufbegehrt, anstatt sich zu ergeben. Sie hat bestraft: Ihren Partner, die Männerwelt, ihre Eltern. Die erfolgreiche Rache für ein liebloses Leben…

_________________

Schatten im Paradies (FIN / 1987)

R: Kaurismäki / K: Salminen / D: Kaurismäki

Ariel (FIN / 1988)

R: Kaurismäki / K: Salminen / D: Kaurismäki

Das Mädchen aus der Streichholzfabrik (FIN / 1990)

R: Kaurismäki / K: Salminen / D: Kaurismäki

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Kein Anspruch auf Vollständigkeit. Kein Anspruch auf Richtigkeit. Pure Subjektivität eines Einäugigen...

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