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Feb
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Jim Jarmuschs Mystery Train

Auch in seinem vierten Langfilm „Mystery Train“ blickt Jim Jarmusch wieder aus der Perspektive von Außenseitern auf ein müdes und abgekämpftes Amerika. Er zeigt urbane Alpträume und eigenwillige Menschen unterschiedlicher Kulturen, die scheinbar zufällig zusammenkommen und ihre Welt, ihr Leben und sich selbst neu entdecken. Trotzdem Jarmusch diese Thematik schon in seinen früheren Filmen ausführlich behandelt hat, stellt „Mystery Train“ eine neue Qualität in seinem Schaffen dar. Jarmusch wird zum radikalen Beobachter und lässt dabei das Klischee des Erzählers immer weiter hinter sich.

Standbild aus Mystery TrainIn drei nacheinander ablaufenden Episoden zeigt Jarmusch kurze Geschichten, die alle zur selben Zeit am selben Ort (Memphis) spielen, doch dennoch kaum Berührungspunkte aufweisen. Alle Episoden dieser „Memphis-Trilogie“ stehen im Grunde genommen für sich und sind durchaus auch als eigenständige Kurzfilme vorstellbar. Im ersten Teil, „Far from Yokohama“, begleiten wir ein junges Paar aus Japan, das sich auf die Suche nach den Wurzeln des Rock’n‘Roll begibt. „Ghost“ – die zweite Episode, handelt von einer Italienerin, die in Memphis jede Menge surreale Gestalten trifft… und den Geist von Elvis. In „Lost in Space“, der dritten Geschichte, lassen sich drei Außenseiter volllaufen. Im Rausch erschießt einer von ihnen einen Verkäufer…

Neben den winzigen Handlungen, fällt vor allem auf, dass Jarmusch allen Episoden eine Auflösung verwehrt. Er begleitet seine Charaktere, ohne Rücksicht auf Erzählkonventionen, nur so lange wie es ihm interessant erscheint. Zwar werden am Ende des Films die drei Handlungen Alibimäßig zusammengeführt, doch besteht diese „Zusammenführung“ lediglich darin, dass alle Protagonisten getrennt voneinander, zum selben Zeitpunkt die Stadt verlassen… Mehr nicht…

Jarmusch geht mit „Mystery Train“ in seiner minimalistischen Erzählweise ein Stück weiter als noch in „Stranger than paradise“ oder „Down by law“. Während sich die Protagonisten in seinen frühen Filmen ebenfalls am Ende des Films trennen und eigene Wege beschreiten, agieren sie doch wenigstens über weite Teile des Films miteinander. In „Mystery Train“ wird die Isolation des Menschen stärker betont. Auch hier gehen die Protagonisten der drei Episoden am Ende des Films getrennte Wege; doch sind sie sich vorher nie begegnet. Einzig Zeit und Ort verbinden die Figuren… was bleibt ist bittere Beziehungslosigkeit.

Dabei ist „Mystery Train“ stets mehr Stimmung als Erzählung. Es sind eher Momente, die den Episoden Stringenz verleihen. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, schafft Jarmusch eine intensive Nähe zu seinen Figuren. Ein gutes Beispiel ist die kurze Sequenz der ersten – und stärksten – Episode, in der die junge Japanerin versucht ihren unterkühlten Freund zum Lachen zu bringen. Dieser kurze unglaublich dezente und dabei so wirkungsvolle und witzige Moment, steht exemplarisch für den ganzen Film, wenn nicht sogar für das gesamte Frühwerk Jarmuschs: Ihm gelingt eine minimalistische, fast dokumentarisch wirkende Beobachtung von einzigartigen Menschen, die an fremden und unwirtlichen Orten zu sich selbst finden.

Diese „magischen Momente“ wären ohne die bemerkenswert präzise Kameraarbeit Robby Müllers kaum vorstellbar. Mit dem Blick eines Fremden entdeckt seine Kamera neue Welten und generiert dabei gleichzeitig Schönheit und Poesie aus Bildern urbaner Trostlosigkeit. Bezeichnend sind die Passagen des Films, in denen die Kamera neben den Protagonisten entlangfährt, um sie bei ihrer Entdeckungsreise zu begleiten. Diese für Jarmusch typischen Einstellungen geben dem Zuschauer das Gefühl ganz nah bei den handelnden Personen zu sein und praktisch mit ihnen durch die verlassenen Straßen zu wandern. Doch sehen wir uns in diesen Momenten nicht zusammen mit den Protagonisten die Stadt an, sondern wir sehen ihnen dabei zu, wie sie sich die Stadt anschauen. Eine merkwürdige Metaebene entsteht. Die Umgebung wird zur Kulisse; oder anders: sie transformiert sich zu einem Parabolspiegel, der die Intimität mit der Jarmusch seine Charaktere beschreibt um ein Vielfaches verstärkt.

Mit „Mystery Train“ baut Jarmusch der Geburtsstadt des Rock sicherlich kein Hochglanzdenkmal. Dennoch zeichnet er ein gefühlvolles, manchmal resignierendes aber stets liebenswertes Bild der Stadt. Dabei macht Jarmusch seinen Film schon durch die Besetzung zu einem Panoptikum der Rock-Musik; neben Joe Strummer, Screamin‘ Jay Hawkings und Rufus Thomas als Darsteller, ist auch die Stimme von Tom Waits zu hören; auch der allgegenwärtige Elvis erscheint in einer Vision. Jarmuschs Hommage wirkt dabei stets so ungestüm, vielfältig und dreckig, wie der Musikstil selbst.

Kurzum: „Mystery Train“ passt sicherlich in keine Schablone. Der Film ist gleichzeitig Liebes- und Bankrotterklärung. Ein stets zwischen Melancholie und Hoffnung schwankender Abgesang auf ein Land, auf eine Epoche und auf einen großen Traum…

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Mystery Train (USA / 1989)

R: Jarmusch / K: Müller / D: Jarmusch

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1 Response to “Jim Jarmuschs Mystery Train”


  1. 21. Februar 2011 um 22:28

    ich hatte in der letzten woche das wirklich große vergnügen einige jim jarmusch-filme sehen zu dürfen und neben night on earth ist mystery train meiner meinung nach der beste. obwohl ich mich bei jarmusch schwer tue, da viele filme von ihm bei mir einschlagen wie eine bombe. er ist für mich praktisch der erträgliche kaurismäki. er schönt nichts, lässt aber trotzdem auch diese kleinen momente zu, die manchmal auch in der unerträglichsten situation das leben noch schön werden lassen. i like this! und jetzt mal noch ganz fachmännisch…jim jarmusch rules!!!!!!!


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