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Der schmale Grat – Schöner Krieg

Nach seinem Debut, dem furiosen Road-Movie-Liebesfilm „Badlands“ aus dem Jahr 1973 und dem großartigen Familienepos „In der Glut des Südens“ von 1978, legte Terrence Malick eine 20-jährige Schaffenspause ein, bevor er 1998 seinen dritten Film „Der schmale Grat“ herausbrachte. Ein Film, der sich mit der Eroberung der Pazifikinsel Guadalcanal durch amerikanische Truppen während des zweiten Weltkriegs beschäftigt. Doch trotz dieses Sujets kann „Der schmale Grat“ nur schwerlich als Kriegsfilm bezeichnet werden, denn eigentlich stehen eher die privaten Konflikte, Ängste und Probleme der Protagonisten im Mittelpunkt. Es ist eher Zufall dass gerade Krieg ist…

Schon der unkonventionelle Handlungsaufbau – mit der extrem langen Exposition, dem dramaturgischen und visuellen Höhepunkt etwa in der Mitte des Films und einem langsamen und langwierigen Ausklang – macht klar, dass Malick etwas anderes wollte, als eine konventionelle Kriegsgeschichte zu erzählen. Im Grunde genommen dient die Handlung des Films nur als Aufhänger, um die unterschiedlichen Seelenzustände und Ansichten der einzelnen Protagonisten darzustellen. Eigentliches Thema des Films ist der Mensch und das Panorama seiner Seele.

Um dies darzustellen, verwendet Malick neben einer Vielzahl subjektivierender Stilmittel (extreme Nähe der Kamera, episodenhafte Konzentration auf bestimmte Charaktere, subjektive Kameraeinstellungen usf.), reflektierende Voice-Over Kommentare, die er schon in seinen früheren Filmen einsetzte. Doch im Gegensatz zu seinem Frühwerk steht nicht nur ein einzelner Erzähler im Mittelpunkt, sondern eine Vielzahl an Protagonisten. Durch diesen multiplen Zugang verliert „Der schmale Grat“ natürlich an Stringenz, ermöglicht hingegen eine poetische, kompromisslose und scheinbar universale Reflexion über die Dualitäten Leben und Tod, Natur und Kultur, Psyche und Physis, Krieg und Menschlichkeit…

Dabei tragen Malicks extrem detailreiche Inszenierung, verbunden mit der intensiven Schauspielerführung und der exzellenten Kameraarbeit von John Toll, dazu bei, überwältigende Stimmungen zu generieren. In ungemein schönen und poetischen Bildern zeigt Malick neben imposanten Landschaftsaufnahmen, die vereinzelt die Seelenzustände der Protagonisten widerzuspiegeln scheinen, oft auch vermeintlich Nebensächliches, wie Detailaufnahmen von Pflanzen, Wellenbewegung und Windspiele auf Grasebenen… Bei Malick besteht Krieg eben nicht nur aus Schlachtengemetzel, Kameradschaftsfloskeln und Schützengrabenromantik, sondern auch aus der Schönheit der Natur; sozusagen als Gegengewicht zum Irrsinn des Krieges.

Gerade diese Taktik scheint auch für die Protagonisten zu funktionieren. Im Angesicht des Todes gewinnen für sie andere Werte an Bedeutung. Die Suche nach Schönheit, die Suche nach Sinn… und die Suche nach etwas Höherem. Durch diese hochintelligente, poetische und gleichzeitig zutiefst erschütternde Ebene, gewinnt „Der schmale Grat“ ungemein an Intensität. Malick inszeniert eine Art episches Psychospiel vor monumentalen Hintergrund.

Dabei stellt man sich oft die Frage gegen wen die Protagonisten wirklich kämpfen. Zumal die offiziellen Feinde (die japanischen Truppen) über weite Strecken des Films unsichtbar bleiben. Häufig hat es den Anschein als rennen die Soldaten gegen die überwältigende Natur an; der wahre Kampf findet jedoch in den Köpfen der Protagonisten statt. Durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven, die zudem häufig wechseln, wird deutlich, dass jeder seinen eigenen Krieg führt, dass jeder gegen seinen eigenen Feind kämpft… Stets auf dem schmalen Grat zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Formal besticht „Der schmale Grat“ auf allen Ebenen durch unglaubliche Perfektion. Von der Kameraarbeit über die Lichtsetzung (es wird meist mit natürlichem Licht gearbeitet) bis hin zur Schauspielerführung, scheint alles bis aufs Detail durchdacht und mit den finanziellen Mitteln eines Blockbusters kompromisslos umgesetzt. Eine besondere Erwähnung verdient an dieser Stelle die Tonspur. Die Musik von Hans Zimmer geht mühelos in atmosphärische Geräusche und subjektive akustische Erscheinungen über. Es entsteht eine komplexe symphonische Erfahrung, die in Verbindung mit den poetischen und stimmungsvollen Bildern zu einem optisch-auditiven Leckerbissen wird.

An manchen Stellen jedoch scheint Malick zu sehr in den klebrigen Hollywood-Honigtopf zu greifen… Beispielsweise wenn zum wiederholten Mal die wartende Ehefrau an der Heimatfront ihrem Liebsten nachsinnt, oder die japanischen Soldaten im Kampf Mann gegen Mann scheinbar ohne Gegenwehr abgeschlachtet werden… Auch der Alibi-Handlungsstrang um den alternden Colonel Tall (zugegebenermaßen großartig interpretiert von Nick Nolte), der seine Soldaten aus Karrieregründen in den sinnlosen Frontalangriff schickt, wirkt stark aufgesetzt. Es hätte dem Film sicherlich gutgetan auf einige dieser, für einen  Film zugegebenermaßen dankbaren Motive zu verzichten, die aus diversen Kriegs- und Antikriegsfilmen bekannt, mittlerweile zu peinlichen Stereotypen verkommen sind. An diesen Stellen verliert „Der schmale Grat“ etwas von seiner erhabenen Aura.

Nichtsdestotrotz bleiben Malicks einzigartige Erzählweise und die Art der Inszenierung atemberaubend und zutiefst bewegend. Er schafft Stimmungen, die intensiv und abstoßend zugleich sind und generiert eine eigenständige Welt, die auf den Betrachter sowohl vertraut als auch beklemmend wirkt. Auf diese Weise gibt Malick seinem Film eine zusätzliche Reflexionsebene; und genau deswegen geht „Der schmale Grat“ auch weiter als viele Kriegsfilme davor. Nicht das was gezeigt und erzählt wird ist wichtig, sondern die Atmosphäre, die dadurch entsteht. Kurzum: Was durch diesen Film vermittelt wird, ist niemals fass-, wohl aber fühlbar…

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The Thin Red Line (USA / 1998)

R: Malick / K: Toll / D: Malick (nach James Jones)

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3 Responses to “Der schmale Grat – Schöner Krieg”


  1. 30. April 2011 um 19:29

    Wundervolle Besprechung!
    Ich bin auch der Meinung, dass diese poetische Atmosphäre, die Malick in „The Thin Red Line“ schuf, der Fokus des Films ist, der Krieg steht hier nicht im Vordergrund. Die ursprüngliche Fassung des Films soll ja etwa sieben Stunden lang gewesen sein, bevor Malick sie aufgrund des Nachdrucks der Produzenten kürzen musste. Wäre bestimmt interessant, wie die Originalfassung ausgesehen hätte.

    • 30. April 2011 um 22:17

      Vielen Dank erstmal… Es wäre wirklich interessant die ursprünglich von Malick intendierte Version zu sehen; dann auch mit Gary Oldman, Viggo Mortensen, Martin Sheen und Mickey Rourke, die allesamt erst im Schneideraum aus dem Film ausschieden…

  2. 14. Dezember 2013 um 20:25

    Great job on this article. I like your viewpoints and I agree on a lot of your content. Thank you very much for sharing this.


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